Wintersemester 2017/18

Unser Lehrangebot ab Oktober 2017 – Sie sind herzlich willkommen. 

Dr. Axel Doßmann / Prof. Dr. Anke John
Das Tagebuch der Eva Schiffmann. Quelleninterpretation und historisches Lernen
Dienstag, 16.00 bis 18.00 Uhr

Der 13-jährigen Schülerin Eva Schiffmann wurde ihr Tagebuch zur „besten Freundin“: „Ich will so tun, als schreibe oder erzähle ich ihr meine Erlebnisse und Gedanken“, notierte sie am 27. Juli 1925 in Gotha auf die erste Seite. „Es ist schade, daß das Tagebuch nicht auch sprechen kann“. Mit Beobachtungsgabe und Sprachwitz hält sie Eindrücke über ihren Alltag, zu Freund/inn/en, Lehrern und Eltern fest. Ihr letzter Eintrag, ein Gedicht, ist vom Sommer 1930. Das in blaues Leder gebundene Tagebuch ist heute im Gothaer Stadtarchiv verwahrt. Es gibt Auskunft darüber, was es bedeutete in einer thüringischen Kleinstadt erwachsen zu werden und Jüdin zu sein. Als Ego-Dokument steht es exemplarisch im Mittelpunkt unseres Kooperationsseminars. Wie lässt sich mit Bezug auf solche und vergleichbare Selbstzeugnisse historisches Lernen unterstützen? Über eine umfassende Kontextualisierung der Quelle wird deutlich, dass jüdische und regionale Geschichte keine Sondergeschichte ist, sondern diese in die allgemeine (deutsche und globale) Geschichte eingebettet werden kann. Der integrale Ansatz als didaktisches Prinzip der Vermittlung wird ebenso problematisiert wie die theoretisch-methodische Herausforderung, die mit Ego-Dokumenten und dem forschend-entdeckenden Lernen verbunden ist. Ihren diagnostischen Blick auf Lernprozesse können Sie an einer Projektarbeit von Zwölftklässlern zur Biographie Eva Schiffmanns schulen. Danach erarbeiten alle Seminarteilnehmer/innen didaktische Materialien. Geplant ist außerdem eine Exkursion ins Stadtarchiv Gotha. 


Literatur:
Hans-Jürgen Pandel: Quelleninterpretation. Die schriftliche Quelle im Geschichtsunterricht (Methoden historischen Lernens), 4. Aufl., Schwalbach/Ts. 2012; Martin Liepach: Jüdische Geschichte, Herausforderungen und Einsatzmöglichkeiten im Unterricht, in: Jüdische Geschichte. Geschichte lernen 152 (2013), S. 1-8; Kirsten Heinsohn/ Stefanie Schüler-Springorum (Hg.): Deutsch-jüdische Geschichte als Geschlechtergeschichte. Studien zum 19. und 20. Jahrhundert, Göttingen 2006; Janosch Steuwer/ Rüdiger Graf (Hg.): Selbstreflexionen und Weltdeutungen. Tagebücher in der Geschichte und der Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts, Göttingen 2015.

 

Dr. Axel Doßmann / PD Dr. Stephan Pabst
Buchenwald 1937-1960. Wie entstand Wissen über ein Konzentrationslager?

Dienstag, 12.00 bis 14.00 Uhr

Literatur bezieht sich nicht einfach auf Ereignisse, sondern auf das Wissen von Ereignissen. Geschichtsschreibung sucht Erkenntnis über die darstellende Analyse fragmentarisch überlieferter Zeugnisse, Spuren und Repräsentationen des historischen Geschehens. In diese kontroverse Deutungspraxis mischen sich nicht zuletzt auch Zeugen ein. Welches Wissen soll Relevanz und Geltung für die Zukunft erlangen? Was bedeutet die mediale Artikulation von Erfahrung in Referenz auf leibliche Widerfahrnisse? Das Seminar geht vor allem der Frage nach, wie ein solches Wissen überhaupt und konkret entsteht. Wer hat es, wie wird es verbreitet, wie und in welchem diskursiven Umfeld wird es rezipiert? Wie verhalten sich faktuale Geltungsansprüche zu fiktionalen, welche Poetiken prägen die Gestaltung der Texte jeweils? Der erste Teil des Seminars befasste sich mit der Zeit von 1937 bis 1950. Der zweite Teil wird die wissensgeschichtliche Fragestellung bis ins Jahr 1960 fortführen. Neben Zeugen- und Presseberichten, Ausstellungen und Dokumentarfilmen sowie der Gründung der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald entstanden erste größere literarische Texte von Erich Maria Remarque, Bruno Apitz und Ernst von Salomon. Teil des Seminars ist eine Exkursion nach Buchenwald, die vor alllem der Beschäftigung mit dem Mahnmal von 1958 dient. Die Teilnahme am ersten Teil des Seminars ist keine Voraussetzung für den Besuch des zweiten. Wir empfehlen Ihnen, vor dem Beginn des Seminars bereits eines der unten aufgeführten Bücher zu lesen.

Lektüreempfehlung:
Erich Maria Remarque, Der Funke Leben, Köln 1952; Bruno Apitz, Nackt unter Wölfen, Halle/Saale 1958; Ernst von Salomon, Das Schicksal des A.D. Ein Mann im Schatten der Geschichte. Ein Bericht, Reinbek bei Hamburg 1960.


Dr. Axel Doßmann

Lese- und Schreibwerkstatt zur Geschichte von Verbrechen in Medien und Öffentlichkeit

Mittwoch, 14.00 bis 16.00 Uhr 

Wenn ein Handeln bzw. Ereignis als Verbrechen bezeichnet und geahndet wird, dann ist das auch ein Beleg für wirksame Normen und Wertvorstellungen in der Gesellschaft. Wird ein Mensch zum Verbrecher erklärt, so kristallisieren sich darin politisch hochrelevante Fragen zum Verhältnis von Natur und Kultur, Schuld und Sühne, gerechter Strafe und staatlicher Gewalt. Polizei, Justiz als auch Massenmedien konstruieren Vorstellungen vom „Bösen“, bedienen oft stereotype Menschenbilder, die wiederum in neue Strategien der Verbrechensbekämpfung führen können.
In der Lese- und Schreibwerkstatt wird das Lesen und Verfassen geschichtswissenschaftlicher Texte zum skizzierten Themenfeld geübt. Sie sind eingeladen zu lernen, über historische Probleme methodisch reflektiert und theoretisch informiert nachzudenken und sich schreibend eine Position zu erarbeiten. Das Seminar konfrontiert mit unterschiedlichen historischen Materialien und Darstellungen. Schriftliche Archivquellen und Medienformate werden erweitert um visuelle Darstellungen: Zeichnungen, Fotografien, Filme und dreidimensionale Artefakte. Sie erarbeiten in regelmäßigen Hausaufgaben eigene Texte und stellen Sie im Seminarverlauf zu einem Portfolio zusammen. Zentrales Lernziel ist die argumentative Auseinandersetzung mit historischen Problemstellungen sowie die Begründung eigener Perspektiven in einer angemessenen Sprache.


Einführende Literatur:

Christiane Beinke u.a., Die Seminararbeit. Schreiben für den Leser, Konstanz 2011, E-Book 2011 (
http://www.utb-studi-e-book.de/9783838584706); Wolfgang Schmale (Hg.), Schreib-Guide Geschichte. Schritt für Schritt wissenschaftliches Schreiben lernen, Wien 2006, E-Book 2012 (http://www.utb-studi-e-book.de/9783838528540); Axel Doßmann, Susanne Regener, Fabrikation eines Verbrechers. Der Kriminalfall Bruno Lüdke als Mediengeschichte, Leipzig 2017.