Sommersemester 2021

Digitaler Vorlesungsbeginn am 12. April

 

Hauptseminar

Deutsch-deutsche Geschichtspolitik: Die Gedenkstätten Buchenwald und Bergen-Belsen im Kalten Krieg (Online-Plus)

Prof. Dr. Jens-Christian Wagner & Dr. Daniel Schuch

Mi 16-18 Uhr

Zoom

 

Buchenwald war als 1958 gegründete „Nationale Mahn- und Gedenkstätte“ ein zentraler Ort der Selbstpräsentation der sich als antifaschistisch verstehenden und darstellenden DDR. 1952 bereits weihte Bundespräsident Theodor Heuß auf der anderen Seite des „eisernen Vorhangs“ mit der Gedenkstätte Bergen-Belsen den neben Dachau wichtigsten Gedenkort für NS-Opfer in der alten Bundesrepublik ein. Im Seminar soll nach der Rolle der beiden Gedenkstätten in der Geschichtspolitik der beiden deutschen Staaten gefragt werden: Wie wurde die Geschichte der beiden Konzentrationslager in Ost und West präsentiert? Welche Bedeutung hatten die Verbrechen des Holocaust? Wie wirkte sich die deutsch-deutsche Systemkonkurrenz im Kalten Krieg auf die Gestaltung der Orte und die dort präsentierten Inhalte aus? Welche Rolle spielten die Überlebenden und ihre Verbände bei dem Gedenken und der öffentlichen Interpretation der Geschichte?

Im Rahmen des Seminars sollen Exkursionen in beide Gedenkstätten stattfinden. Die Teilnehmer*innenzahl ist auf 20 Studierende begrenzt.

 

Literatur: Stiftung niedersächsische Gedenkstätten (Hrsg.): Bergen-Belsen. Geschichte der Gedenkstätte, Celle 2012; Janine Doerry, Thomas Kubetzky, Katja Seybold (Hrsg.): Das soziale Gedächtnis und die Gemeinschaften der Überlebenden. Bergen-Belsen in vergleichender Perspektive, Göttingen 2014; Martina Staats, Erste Schritte zur Gestaltung der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Der Ort und die Akteure 1945/46, in: Habbo Knoch, Thomas Rahe (Hrsg.): Bergen-Belsen. Neue Forschungen, Göttingen 2014, S. 338–368; Philipp Neumann-Thein: Parteidisziplin und Eigenwilligkeit. Das Internationale Komitee Buchenwald-Dora und Kommandos, Göttingen 2014; Volkhard Knigge: Vom Reden und Schweigen der Steine. Zu Denkmalen auf dem Gelände ehemaliger nationalsozialistischer Konzentrations- und Vernichtungslager, in: Ders., Geschichte als Verunsicherung. Konzeptionen für ein historisches Begreifen des 20. Jahrhunderts, herausgegeben von Axel Doßmann im Auftrag der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Göttingen 2020, S. 137–164.

 

 

Übung

Historische Jubiläen analysieren lernen (Online-Plus)

Dr. Daniel Schuch & Dr. Juliane Tomann

Do 10-12 Uhr

Zoom

 

Jahrestage und Jubiläen sind zentrale Bestandteile unserer Geschichtskultur, die sinn- und identitätsstiftend wirken. Wie sie begangen oder gefeiert werden, ist jedoch sehr unterschiedlich: Die Spannbreite reicht von politischen Reden sowie Gesten und Ritualen bei Kranzniederlegungen und staatlichen Gedenkveranstaltungen bis hin zu eher zivilgesellschaftlichen Formen, wie etwa historischen Reenactments von Schlachten und Aufständen oder Kundgebungen und Demonstrationen.

Die Übung widmet sich diesen vielfältigen Facetten der Jubiläumskultur anhand ausgesuchter Beispiele. Das Ziel ist es, die theoretischen und methodischen Grundlagen einer Analyse dieses Public-History-Phänomens zu erarbeiten, um anschließend ausgewählte Fallbeispiele aus Gegenwart und Vergangenheit zu analysieren. Denn Jubiläen sind – auch wenn die kalendarische Logik, der sie folgen, es anders erscheinen lässt – nichts Stetiges und Gegebenes, sondern unterliegen der Veränderung. In der Übung greifen wir daher die Forderung nach mehr „Jubiläums-Kompetenz” (Marco Demantowsky) auf und fragen danach, wie sich Gedenktage über die Zeit verändert haben und wie diese Veränderungen analysiert werden können. Wie wurde und wird etwa das Ende des Zweiten Weltkrieges in Deutschland und in den Staaten der (ehemaligen) Sowjetunion am Jahrestag des 8./9. Mai erinnert und inszeniert? Welche Bedeutung hat der 9. November zwischen dem Gedenken an die Reichspogromnacht im Nationalsozialismus und dem Fall der Berliner Mauer im Herbst 1989? In der Übung nähern wir uns einer kritischen Analyse der Jubiläumskultur als Teil der Geschichte in Medien und Öffentlichkeit.

Literatur: Winfried Müller (Hrsg.), Das historische Jubiläum. Genese, Ordnungsleistung und Inszenierungsgeschichte eines institutionellen Mechanismus, Münster 2004; Paul Münch (Hrsg.): Jubiläum, Jubiläum...Zur Geschichte öffentlicher und privater Erinnerung, Essen 2005; Jacqueline Nießer, Juliane Tomann (Hrsg.): Angewandte Geschichte. Neue Perspektiven auf Geschichte in der Öffentlichkeit, Paderborn 2014; Markus Drüding: Historische Jubiläen und historisches Lernen, Frankfurt a.M. 2020.

 

 

Übung

Frühe Holocaustforschung – Quellen, Methoden und Akteur*innen (Online-Plus)

Dr. Daniel Schuch

Do 14-16 Uhr

Zoom

 

Die Erforschung des NS-Massenmords an den Jüdinnen und Juden begann nicht erst – wie lange kolportiert wurde – in den 1960er oder 1970er Jahren, sondern bereits unmittelbar nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges in (Ost-)Europa. Von den 1940er bis in die 1960er Jahre entwickelte sich ein Netzwerk aus Einzelpersonen und Organisationen, die das Gesellschaftsverbrechen dokumentierten, interpretierten und zu dessen gesellschaftlicher und juristischer Aufklärung beitrugen.

In der Übung werden verschiedene Akteur*innen, Organisationen und deren Methodik in den Blick genommen, um die Pionierforschungen der ersten Generation der Holocaustforschung besser zu begreifen. Die Bedeutung der Jüdischen Historischen Kommissionen in Europa und den aus Ihnen hervorgegangenen „Survivor Scholars“ (Natalia Aleksiun) sowie frühe Studien von internationalen Forscher*innen wie Filip Friedman, Rachel Auerbach, Léon Poliakov, Joseph Wulf oder Raul Hilberg werden vorgestellt und gesellschaftskritisch kontextualisiert. Verschiedene Überlieferungen, von schriftlichen und mündlichen Interviews über Memoiren und wissenschaftlichen Studien, werden in der Übung quellenkritisch erschlossen. Welche Rolle spielte die jüdische Perspektive in der internationalen Auseinandersetzung mit dem Holocaust in Europa, Israel und den USA? Wie wurde der NS-Massenmord als Thema der Zeitgeschichte verhandelt und welche Kontroversen prägten die frühe Forschung bis in die 1970er Jahre?

Literatur: David Bankir, Dan Michman (Hrsg.): Holocaust Historiography in Context. Emergence, Challenges, Polemics and Achivements, Jerusalem 2008; Orna Kenan: Between Memory and History. The Evolution of Israeli Historiography of the Holocaust, 1945–1961, New York ua. 2003; Nicolas Berg: Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung, Göttingen 2003; Regina Fritz, Éva Kovács, Béla Rásky (Hrsg.): Als der Holocaust noch keinen Namen hatte / Before the Holocaust had its Name. Zur frühen Aufarbeitung des NS-Massenmordes an Jüdinnen und Juden / Early Confrontations of the Nazi Mass Murder of the Jews, Wien 2016; Hans-Christian Jasch, Stephan Lehnstaedt (Hrsg.): Verfolgen und Aufklären: Die erste Generation der Holocaustforschung – Crimes Uncovered: The First Generation of Holocaust Researchers, Berlin 2019; Stephan Lehnstaedt, Robert Traba (Hrsg.): Die „Aktion Reinhardt“. Geschichte und Gedenken. Berlin 2019; Kata Bohus, Atina Grossmann, Werner Hanak und Mirjam Wenzel (Hrsg.): Our Courage – Jews in Europe 1945–48, Oldenbourg 2020.

 

 

 

Wintersemetser 2020/21

Zum 1. Oktober 2020 hat Dr. Jens-Christian Wagner die Professur für Geschichte in Medien und Öffentlichkeit sowie sein Amt als neuer Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora angetreten. Unterstützt wird er dabei von Dr. des. Daniel Schuch als neuem wissenschaftlichem Mitarbeiter am Lehrstuhl.

Der Beginn der Vorlesungszeit verschiebt sich im Wintersemetser 2020/21 aufgrund der COVID-19 Pandemie auf den 02. November 2020. Am Lehrstuhl werden folgende Veranstaltungen angeboten (Anmedlung über Friedolin):

 

Prof. Dr. Jens-Christian Wagner / Dr. des. Daniel Schuch

Erarbeitung einer Ausstellung zum Thema 'Kinder im KZ Buchenwald' (ONLINE-PLUS)

Mi 16-18 Uhr, Carl-Zeiß-Straße 3 - SR 314 / Digital

Hauptseminar

Im April 2021 soll in der Gedenkstätte Buchenwald die Ausstellung „Kinder im KZ Bergen-Belsen“ eröffnet werden (Infos unter https://kinder-in-bergen-belsen.de/). Für die Präsentation in der Gedenkstätte Buchenwald soll sie von den Studierenden des Seminars zusammen mit Mitarbeiter*innen der Gedenkstätte um einen Abschnitt zum Thema Kinder im KZ Buchenwald ergänzt werden. Dabei stehen folgende Fragen im Mittelpunkt: Welche Kinder wurden in das KZ Buchenwald deportiert? Wie gestalteten sich ihre Existenzbedingungen? Was geschah nach der Befreiung mit den Überlebenden? Welche Rolle spielen die child survivors von Buchenwald im öffentlichen Gedächtnis?

Eingebunden werden soll die Konzeption und Realisierung des zusätzlichen Ausstellungskapitels in eine kontextualisierende Auseinandersetzung mit dem Thema „Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, wie sich die Beziehungsgeschichte zwischen ausgegrenzten und verfolgten Kindern (Juden, Sinti und Roma, Kranke, Nichtdeutsche etc.) und dem Nachwuchs der selbsternannten "Herrenmenschen" entwickelte. Auch der Umgang der Nachkriegsgesellschaft mit dem Thema soll bearbeitet werden - einschließlich der Frage, welche Gegenwartsbezüge es für aktuelle politische und pädagogische Debatten bietet.

Das Seminar beinhaltet eine Exkursion in die Gedenkstätte Buchenwald.

Einführende Literatur: Ute Benz u.a. (Hg.), Sozialisation und Traumatisierung. Kinder in der Zeit des Nationalsozialismus, Frankfurt/Main 1992; Arno Klönne, Jugendliche Opposition im „Dritten Reich“, Erfurt 2016; Volkhard Knigge (Hg.), Buchenwald. Ausgrenzung und Gewalt 1937 bis 1945. Begleitband zur Dauerausstellung in der Gedenkstätte Buchenwald, Göttingen 2016; Konzentrationslager Buchenwald 1937-1945. Begleitband zur ständigen historischen Ausstellung, hrsg. von der Gedenkstätte Buchenwald, Göttingen 1999; Michael Löffelsender: Das KZ Buchenwald 1937 bis 1945, Erfurt 2020.

 

 

Dr. des. Daniel Schuch

Zeugenschaft des Holocaust im Wandel (ONLINE-Veranstaltung)

Fr 14-16 Uhr

Übung/Seminar (Kooperationsveranstaltung mit der Universität Leipzig)

Zeugenberichte von Opfern und Überlebenden des Holocaust bilden einen zentralen Quellenkorpus für die Erforschung der Geschichte des Nationalsozialismus. Ausgangspunkt des Seminars ist der Beginn dieser Zeugenschaft während des Zweiten Weltkriegs und in der frühen Nachkriegszeit in Europa: Wer waren zentrale Akteur*innen der frühen Dokumentation, Erinnerung und Interpretation der NS-Verbrechen? Welche Rolle nahmen diese in der Erforschung des Gesellschaftsverbrechens ein und wie wandelte sich ihre gesellschaftliche Bedeutung bis heute? Verschiedene Zeugnisformen (von frühesten schriftlichen Protokollen über die Judenverfolgung über erste Audio-Interviews mit Displaced Persons aus dem Sommer 1946 bis zu späteren Video-Interviews) werden dahingehend als Fallbeispiele quellenkritisch analysiert. Methodik und Zielstellungen von verschiedenen trans- und internationalen Interviewprojekten von und mit Überlebenden des Holocaust sollen untersucht werden um die Transformationen der Figur des „Zeitzeugen“ sowie die veränderten gesellschaftlichen Erwartungen von den 1940er bis in die 2000er Jahre zu reflektieren.

Einführende Literatur: Henry Greenspan: On Listening to Holocaust Survivors. Beyond Testimony, Second Edition, Revised and Expanded, St. Paul 2010; Inge Marszolek/Stefan Mörchen: Von der Mediatisierung zur Musealisierung. Transformationen der Figur des Zeitzeugen, in: WerkstattGeschichte 62, 2012, S. 7-17; Jan Taubitz: Holocaust Oral History und das lange Ende der Zeitzeugenschaft, Göttingen 2016; Hans-Christian Jasch/Stephan Lehnstaedt, (Hg.): Verfolgen und Aufklären. Die erste Generation der Holocaustforschung / Crimes Uncovered. The First Generation of Holocaust Researchers, Berlin 2019.