Wintersemester 2016/17

Dr. Axel Doßmann / PD Stephan Pabst
Buchenwald 1937-1960. Wie entstand Wissen über ein Konzentrationslager?

Literatur bezieht sich nicht einfach auf Ereignisse, sondern auf das Wissen von Ereignissen. Geschichtsschreibung sucht Erkenntnis über die Analyse fragmentarischer Zeugnisse und Spuren des Geschehens - und Zeugen mischen sich kontrovers ein im Deutungskampf darum, welches Wissen Relevanz und Geltung für die Zukunft erlangen soll. Das Seminar geht der Frage nach, wie ein solches Wissen überhaupt und konkret entsteht. Wer hat es, wie wird es verbreitet, wie und in welchem diskursiven Umfeld wird es rezipiert? Diese Fragen stellen sich natürlich vor 1945 anders als nach 1945. Was wusste Joseph Roth, als er 1939 seinen letzten Text über die Goethe-Eiche in Buchenwald schrieb? Wie versuchten Intellektuelle und Künstler ihre Lagererfahrungen für die Nachwelt zu gestalten? Welches Wissen erhob die amerikanische Militäradministration nach 1945? Welchen Anteil hatten internationale (Bild-)Medien an der Etablierung von Deutungsmustern, Metaphern und Sprachformeln? Welche Zeugenaussagen gehen in den Bericht ein, den Eugen Kogon über Buchenwald verfasst und auf welches Wissen können sich dann die ersten Romane (Erich Maria Remarque, Bruno Apitz) über das Lager stützen? Auf einer eintägigen Exkursion untersuchen wir, wie die neue Dauerausstellung der Gedenkstätte Buchenwald die Entstehung und Vermittlung von Wissen reflektiert - und für die Gegenwart neu perspektiviert. Da das Seminar gleichermaßen wissens- und literaturgeschichtliche Fragen verfolgt, richtet es sich sowohl an Literaturwissenschaftler als auch an Historiker.

Zur Vorbereitung:
KPD Leipzig (Hg.), Buchenwald. Ein Tatsachenbericht, Leipzig 1945; Erich Maria Remarque, Der Funke Leben, Köln 1952; Bruno Apitz, Nackt unter Wölfen, Halle/Saale 1958; Ernst von Salomon, Das Schicksal des A.D. Ein Mann im Schatten der Geschichte. Ein Bericht, Reinbek bei Hamburg 1960.


Dr. Axel Doßmann
Wer ist das Volk? Audiovisuelle (Selbst-)Darstellungen von deutschen Bürgern, 1918-1990

Sein Gesicht zeigen, die Stimme erheben – oder sich mit Reden „an das (deutsche) Volk” wenden: ein solch öffentliches Handeln kann, aber muss nicht emanzipatorische Ziele verfolgen. Der Ruf „Wir sind das Volk!” hat im Herbst 1989 Geschichte gemacht. Die Selbstbehauptung einer Bevölkerungsminderheit, „das Volk” zu sein, kann in besonderen Machtkonstellationen Motiv und Anlass sein, dass sich Gesellschaften ändern und Regierungen zur Aufgabe gezwungen sehen. Insofern lag es nahe, dass die Wortgewalt der 1989er Montagsdemonstranten im Staatssozialismus der DDR auch in der bundesdeutschen Demokratie attraktiv blieb – bis hin zum Rechtspopulismus der Gegenwart. Das Seminar wird vor allem auf Formen der politischen (Selbst-)Darstellung von deutschen Bürgern in der Weimarer Republik eingehen: „Wir sind das Volk” war 1918 zum Beispiel auch eine Losung von Arbeiter- und Soldatenräten. Fallbeispiele zu (Selbst)Darstellung deutscher Bürger aus der Zeit des Nationalsozialismus, der Bundesrepublik und der DDR werden den vergleichenden Blick auf Demokratien und Diktaturen und die Relevanz der jeweiligen Kontexte schärfen. Es wird bei allem praktisch geübt: wie erschließt man sich Themen wissenschaftlich, wie konzipiert man eigene Forschung, wie lassen sich relevante Dokumente identifizieren, Fragen und Analysekriterien schärfen und die Reichweite von Thesen angemessen einschätzen?

Literatur:
Gerhard Paul, Ralph Schock (Hg.), Sound des Jahrhunderts. Geräusche, Töne, Stimmen – 1889 bis heute, Bonn 2013; Sebastian Ullrich, Der Weimar-Komplex. Das Scheitern der ersten deutschen Demokratie und die politische Kultur der frühen Bundesrepublik, Göttingen 2009; Detlev J. K. Peukert, Die Weimarer Republik. Krisenjahre der klassischen Moderne, Frankfurt/M. 1996.

Dr. Axel Doßmann
Weimars Kino: Film in der Geschichte, Geschichte im Film

Kinofilme waren Teil der politischen Kultur der Weimarer Republik. Sie haben oft den Publikumsgeschmack getroffen, reizten aber auch zur Skandalisierung, lösten Gewalt im Kinosaal aus, wurden in manchen Fällen sogar verboten. Die Plots und bewegten Bilder von Filmen wie etwa „Panzerkreuzer Potemkin“ (UdSSR 1925) von Sergei Eisenstein, „Berlin. Die Sinfonie der Großstadt“ (D 1927) von Walther Ruttmann, „Menschen am Sonntag“ (D 1929/1930) von Robert Siodmak, „Im Westen nichts Neues“ (USA 1930) von Lewis Milestone, „M (– Eine Stadt sucht einen Mörder)“ (D 1931) von Fritz Lang oder „Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt?“ (D 1932) von Slatan Dudow (und Bertolt Brecht) haben emotional provoziert und Filmgeschichte geschrieben, weil sie zeitgenössische Erfahrungen, Konflikte und Herausforderungen auf sehr unterschiedliche Weise auf der Kinoleinwand sichtbar gemacht und damit kommentiert haben. Solche Filme, verstanden als Medienereignisse, sind im Seminar Gegenstände für die Analyse gesellschaftlicher Selbstverständigung in den politischen Arenen der Weimarer Republik.

Literatur:
Siegfried Kracauer, Von Caligari zu Hitler. Eine psychologische Geschichte des deutschen Films (zuerst: Princeton 1947), Frankfurt/M. 1979; Ute Daniel, Inge Marszolek, Wolfram Pyta u.a. (Hg.), Politische Kultur und Medienwirklichkeiten in den 1920er Jahren, München 2010; Ursula von Keitz, Im Schatten des Gesetzes. Schwangerschaftskonflikt und Reproduktion im deutschsprachigen Film 1918-1933, Marburg 2005; Kai Nowak, Projektionen der Moral. Filmskandale in der Weimarer Republik, Göttingen 2015.


Dr. Axel Doßmann
„Shoah“ von Claude Lanzmann. Zur Kritik eines filmischen Monuments

Nach zwölf Jahren Recherche und fünf Jahren Montagearbeit an über 300 Stunden Interviewzeugnissen zur nationalsozialistischen Judenverfolgung brachte Claude Lanzmann seinen Film „Shoah“ 1985 zum Abschluss. Das 655-minütige Kunstwerk erhielt viele Preise, erschüttert und beeindruckt bis heute, fordert nicht nur die Filmwissenschaft, sondern auch die Geschichtswissenschaft heraus. Im Blockseminar werden wir uns nach einer konzentrierten gemeinsamen Sichtung mit einigen der (kontroversen) Deutungen von „Shoah“ auseinander setzen. Die Erarbeitung von Wissen zur Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte des Films unterstützt Analysen zur Regie und Dramaturgie und lässt die epistemologische, ethische und geschichtskulturelle Relevanz von Lanzmanns radikaler Absage an die Verwendung von historischem Filmmaterial diskutieren. Mit der Sichtung von ungeschnittenen Interviews Lanzmanns wird exemplarisch zu rekonstruieren versucht, wie er bei der Handarbeit am Schneidetisch Zeugenschaft gedeutet hat. Gefragt wird nach den Funktionen und den Spannungsverhältnissen von Montage, (reflexiver) Rekonstruktion und Interpretation – im Sinne einer kritischen und dialogischen Würdigung eines inzwischen monumentalisierten Films, vor dem wir nicht verstummen sollten.

Literatur:
Claude Lanzmann, Shoah. Mit einem Vorwort von Simone de Beauvoir, Düsseldorf 1986; Ders., Der patagonische Hase. Erinnerungen, Reinbek bei Hamburg 2010; Francois Niney, Die Wirklichkeit des Dokumentarfilms. 50 Fragen zur Theorie und Praxis des Dokumentarischen, Marburg 2012.

Sommersemester 2016

Dr. Axel Doßmann
„Should We Close the Gates to Displaced Persons?“
Zuhörend begreifen wollen: Interviews mit Heimatlosen im Europa von 1946


Seit Kriegsende warteten hunderttausende jüdische Heimatlose in DP-Lagern und Heimen auf Visas für ihre Auswanderung. „Should We Close the Gates to Displaced Persons?“ Mit dieser Frage wurde 1948 im amerikanischen Radio debattiert, ob man die Einwanderungszahlen begrenzen sollte. Der Psychologe David. P. Boder plädierte für offene Grenzen und mehr Empathie mit den Opfern der deutschen Verbrechen. Er wusste, wovon er sprach. Boder hatte im Sommer 1946 130 Displaced Persons interviewt, darunter viele junge Frauen und Männer. Sein Drahtspulenrekorder dokumentierte die Stimmen der Zeugen, 1998 sind Kopien gefunden worden. Sie bilden heute die erste akustisch überlieferte Interviewsammlung zum Holocaust. Das Seminar reflektiert die Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte der Interviewsammlung, diskutiert Funktionen und Wandel von Zeugenschaft und erschließt das akustischen Material mit Fragen, Kontexten und Kommentaren: Was kann historisch begriffen werden mit den vor 70 Jahren geführten Interviews? Das Seminar versteht sich als Teil eines modellhaften Forschungsprojekts zu erfahrungsgeschichtlichen Quellen des 20. Jahrhunderts, das am Lehrstuhl entwickelt wird. Gute Englischkenntnisse und Bereitschaft zur intensiven Auseinandersetzung mit diesen Dokumenten werden vorausgesetzt.


Dr. Axel Doßmann
Europas Zigeunerbilder.
Zur Geschichte populärer Vorstellungen vom Fremden

„Roma wissen, dass man eine falsche Vorstellung von ihnen hat. Eher hat man eine falsche Vorstellung als keine“, konstatiert Eva Ruth Wemme, eine deutsche Übersetzerin nach drei Jahren Sozialarbeit mit Romnija und Roma in Berlin. Wemmes Geschichten konfrontieren mit gegenseitiger Nähe und Fremdheit, mit Arbeits- und Wohnungslosigkeit, mit deutscher Diskriminierung. „Ich schreibe also von uns, die blind sind, und von den anderen, die verinnerlicht haben, sich unsichtbar zu machen“. Das Seminar nimmt solche interkulturellen Annäherungsversuche zum Ausgangspunkt für Fragen zur Geschichte populärer Vorstellungen von „Zigeunern“ und ihren Ursachen. Untersucht werden Kontinuitäten und Wandel im innereuropäischen Verhältnis von Eigenem und Fremden, zwischen Gadje (Nicht-Roma) und Roma. Anhand von literarischen, ethnografischen, fotografischen und filmischen Darstellungen wird nachvollziehbar, wie sich Ressentiments und Diskriminierung seit 1800 entwickelt haben. Der langwierige Kampf um gesellschaftliche Anerkennung des nationalsozialistischen Völkermords an den Roma und Sinti erfährt dabei ebenso Beachtung wie politische Konzepte für alternative Begegnungen der Mehrheitsgesellschaft mit diesen Europäern.


Dr. Axel Doßmann
Barbaren, Bestien, das Böse in Menschengestalt?

Darstellungen von Tätern in Wissenschaft und Populärkultur

Ob Jack the Ripper, der NSU oder die Mörder des Islamischen Staates: in der Öffentlichkeit ist schnell von Barbaren die Rede, Psychopathen oder Bestien in Menschengestalt. Solche Verdikte erklären nicht die Tat, lassen aber gesellschaftlich entlastende Vorstellungen von Tätern und Täterinnen erkennen. Wenn Wissenschaftler Verbrecher verstehen und bewerten wollen – auf welches Wissen greifen sie dann zurück? Was unterscheidet das Vorgehen der Geschichtswissenschaft von kriminalistischen und juristischen Perspektiven? Inwiefern haben mediale Darstellungen die historiografischen Deutungen geprägt? Welche Funktionen erhalten historische Quellen und Zeugen für Narration und Visualisierung in verschiedenen Medien? Im Seminar untersuchen wir ausgewählte wissenschaftliche und filmische Analysen und Darstellungen von historischen Individual- und Gemeinschaftsverbrechen, darunter Serienmörder wie Fritz Haarmann, Terroristen wie Ulrike Meinhof und Beate Zschäpe, nationalsozialistische und stalinistische Verbrecher sowie antikommunistische Massenmörder in Indonesien. Gefragt wird auch, wie sich die Grenzen und Sackgassen historischer Täterforschung überwinden lassen.  


Dr. Axel Doßmann
10 Fotos, die die Welt erschütterten.
Perspektiven der Visual History auf Politik und die Macht von Bildern


Seit Erfindung der Fotografie in den 1830er Jahren kann untersucht werden, wie ihre Verbreitung die Wahrnehmung und Beschreibung der Welt verändert, gesellschaftliches Handeln motiviert und Geschichtsbilder prägt hat. Doch zeigen Fotografien überhaupt Geschichte? Und wenn, welche Geschichte sollen Fotos sehen lassen? Was machen sie sichtbar – und was verbergen sie? Wozu dienen sie jeweils? Warum sollte man – gegen die verbreitete Praxis – auf illustrativen Gebrauch von Fotografien in der Wissenschaft besser verzichten? Im Vordergrund des Seminars stehen Fotografien, deren Veröffentlichung die (Welt-)Öffentlichkeit bewegt, Politiker und andere Kommentatoren herausgefordert haben. Aber auch spät entdeckte oder zögerlich ernst genommene Bilder – etwa Amateurfotografie oder die Bildwelten im Internet – werden diskutiert, um in das weite Forschungsfeld der Visual History einzuführen. Mit welchen Fragen, welchen Methoden lassen sich visuelle Dokumente „lesbar“ machen? 

 

Sommersemester 2015

Prof. Dr. Volkhard Knigge / Dr. Axel Doßmann
„Nackt unter Wölfen“: ein Roman, ein DEFA-Film und eine Neuverfilmung
Zur Geschichte der Medialisierung und Funktionalisierung extremer KZ-Erfahrung

Wenn vergangene Erfahrung und Sinnbildung nicht als Zeugnis dinghaft gestaltet wird, geht sie mit dem Ableben der Zeugen für die Nachwelt verloren. Auch darum schrieben neben vielen anderen zwei Überlebende des KZ Buchenwald schon 1945 ihre Berichte: der polnisch-jüdische Rechtsanwalt Dr. Zacharias Zweig und der deutsche Kommunist Bruno Apitz. Die meisten solcher frühen Zeugnisse von Überlebenden fanden nur wenige Leser – zu unglaubwürdig, zu unbequem, zu roh in ihrer dokumentarischen Form. Wer Gehör finden wollte, musste mehr leisten, als nur „einfach“ zu dokumentieren. Der unbekannte Autor und Dramaturg Bruno Apitz rang lange und verzweifelt nach einer literarischen Form für seine Erfahrung im KZ Buchenwald, hin- und hergerissen zwischen eigener Erinnerung, politischen und moralischen Absichten und dem Einspruch einstiger Kameraden. Nach vielen Überarbeitungen erschien der Roman „Nackt unter Wölfen“ 1958 und wurde – zur Überraschung der Beteiligten – ein weltweiter Bestseller. Apitz´ rührende Geschichte von der Rettung des jüdischen Jungen Stefan Jerzy Zweig – dem Sohn von Zacharias Zweig – durch den kommunistischen Lagerwiderstand bewegte Millionen Leser. Der internationale Erfolg des Romans resultierte 1962 in einer DEFA-Verfilmung, die ihrerseits nachhaltig Geschichtsbilder prägte. Am 1. April 2015 wird die Neuverfilmung des Romanstoffs zur Primetime in der ARD gezeigt.

Das Seminar untersucht die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte von Roman und Filmen. Vor dem Hintergrund von historischen Überlieferungen und Forschungen zur Geschichte des KZ Buchenwald, des Lagerwiderstands und der Funktionalisierung des Buchenwald-Gedächtnisses in Ost und West wird gefragt, wie Vergangenheit durch Medialisierung  verändert wird und historische Aufklärung herausfordert: ästhetisch, politisch, ethisch.

Literatur zur Vorbereitung:
Bruno Apitz, Nackt unter Wölfen, erweiterte Neuauflage, hg. von Susanne Hantke und Angela Drescher, Berlin 2012; „Mein Vater, was machst du hier ...?“  Zwischen Buchenwald und Auschwitz – der Bericht des Zacharias Zweig, Frankfurt am Main 1987.


Dr. Tomasz Krzysztof Kranz
Geschichtskultur und NS-Gedenkstätten in Polen: Entwicklungen, Debatten und Konzepte seit 1990 am Beispiel der staatlichen Gedenkstätte Majdanek
Blockseminar, Freitag, 3. Juli bis Sonntag, 5. Juli 2015 an der FSU Jena

Tomasz Krzysztof Kranz, der Direktor der staatlichen Gedenkstätte Majdanek, gibt Anfang Juli einen Workshop zur Geschichte der Gedenkstätte Majdanek. Die bereits 1944 gegründete Gedenkstätte Majdanek ist die älteste Gedenkstätte zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in Europa. Seit 1990 hat sie sich zu einem Zentrum forschungsbasierter Aufarbeitung der NS-Besatzung und des Holocausts in Polen mit internationaler Ausstrahlung etabliert. Im Blick zurück und in die Gegenwart können exemplarisch die Herausforderungen und Dimensionen der Neukonzeption der Geschichts- und Erinnerungskultur in Polen nach 1990 erkennbar werden. Der Workshop zielt auf eine intensive und konkret bleibende Diskussion der Geschichte und Gegenwart der polnischen Gedenkstätte.


Dr. Axel Doßmann
Der Fall der Berliner Mauer: Repräsentationen eines Bauwerks und seiner Geschichte seit 1989

Die Berliner Mauer: 156,4 Kilometer lang. Funktionale Bestandsdauer: 28 Jahre, zwei Monate, 28 Tage. Bis zum 8. November 1989 über 5000 mal erfolgreich überwunden. Mehr als 130 Tote. Das weltweit bekannt gemachte Monument des Kalten Krieges ist in den ersten Jahren nach dem „Fall der Mauer“ fast vollständig abgetragen worden, liegt als Schotter unter Straßenbitumen oder wird in Form von „Mauersplittern“ weltweit bewahrt und vermehrt. Einstiger Verlauf der Grenzanlagen, ihre materiellen Spuren und die vielen nachträglichen Symbolisierungen prägen bis heute das Stadtbild Berlins. Das fast verschwundene Artefakt eines sozialistischen Grenzregimes wurde Anlass für vielseitige Repräsentationen im Spannungsfeld von differenzierender historischer und politischer Bildung, touristischer Vermarktung und schlichter Schwarz-Weiß-Malerei. Die neuen Denkmäler, Gedenkstätten und Mauer-Apps ziehen inzwischen Millionen Besucher jährlich an.

Studierende, die Vorerfahrungen zur Analyse von Denkmälern, Gedenkstätten und/oder Ausstellungen nachweisen können, sind eingeladen zu dieser intensiven Auseinandersetzung mit den aktuellen Repräsentationen deutscher und europäischer Teilungsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Das Historische Institut und der Lehrstuhl finanzieren Unterkunft und Expertenhonorare für die viertägige Feldforschung in Berlin; für An- und Abreise, ÖPNV und Selbstverpflegung müssen Studierende selbst aufkommen. Maximal 12 Studentinnen und Studenten können zugelassen werden.

Zur Einführung:
Jürgen Böttcher, Die Mauer, DEFA 1990; Klaus-Dietmar Henke, Die Mauer: Errichtung, Überwindung, Erinnerung, München 2011; Annett Gröschner, Arwed Messmer (Hg.) Aus anderer Sicht. Die frühe Berliner Mauer, Ostfildern 2011; Axel Klausmeier, Günter Schlusche (Hg.), Denkmalpflege für die Berliner Mauer. Die Konservierung eines unbequemen Bauwerks, Berlin 2011.


Dr. Axel Doßmann
Fragen – Antworten – Fragen
Interviews und Tonaufnahmen mit DPs im Jahr 1946

„Zeitzeugen“ begegnen wir heute vor allem als Video- oder Filmbild: alte Menschen vor heimischen Schrank- oder Bücherwänden. Ihre Medienpräsenz in der Gegenwart verstellte über Jahrzehnte die frühen Versuche, persönliche Zeugnisse der NS-Verfolgten zu sammeln. Jüdische historische Kommissionen protokollierten und sammelten seit 1944/45 Berichte von Überlebenden in ganz Europa. Im Sommer 1946 reiste auch der jüdisch-lettisch Psychologe David. P. Boder aus Chicago nach Mitteleuropa und zeichnet mit einem Wire Recorder mehr als 130 seiner Gespräche mit Displaced Persons auf: die meisten unter 40, viele unter 20 Jahren alt. Das „Wunder“ (Alan Rosen) ihrer vielsprachigen, vor allem osteuropäischen Stimmen blieb erhalten. Sie bilden heute die erste akustisch überlieferte Interviewsammlung zur Shoah weltweit.

Im Seminar wird das verstehende Hören dieser Tondokumente systematisch geübt und erprobt. Die Entstehungs- und Überlieferungsgeschichten der Interviewsammlung werden dafür ebenso reflektiert wie bereits vorliegende Deutungen zu einzelnen Interviews und Aspekten. Diskutiert werden auch didaktisch-pädagogische Fragen: Wie könnten diese Interviews die historisch-politische Bildung bereichern? Was hieße hier reflektierter Umgang mit einer sensiblen Sammlung?

Gute Kenntnisse des Englischen sind Teilnahmevoraussetzung, osteuropäische Sprachkenntnisse und Jiddisch sind sehr willkommen.

Zur Vorbereitung:
Die Interviewsammlung „Voices of the Holocaust“: http://voices.iit.edu; Alan Rosen, The Wonder of Their Voices: The 1946 Holocaust Interviews of David Boder, New York 2010; David P. Boder, Julia Faisst, Die Toten habe ich nicht befragt, Heidelberg 2012; Laura Jockusch, Collect and record! Jewish Holocaust documentation in early postwar Europe, New York 2012; David Cesarani, Eric J. Sundquist (ed.), After the Holocaust. Challenging the Myth of Silence, London, New York 2012.



Dr. Axel Doßmann
Der 8. Mai in Europa: Geschichte eines Gedenktages seit 1945

Der 8. Mai war nicht überall und für Jede/n in Europa ein Grund zum Jubeln – Bürgerkriege und politisch und ethnisch motivierte Gewalt und Rache fanden auch nach der bedingungslosen Kapitulation kein Ende. Bilder von freudig-befreiten Menschen am 8. Mai verstellen insofern die heterogenen und widersprüchlichen historischen Erfahrungen und Wirklichkeiten in Europa. Entsprechend unterschiedlich wurde und wird der 8. Mai nach 1945 öffentlich begangen. Das Seminar fragt mit Blick auf ausgewählte europäische Staaten, was in den Jahrzehnten nach 1945 gelernt werden sollte aus den Erfahrungen mit dem nationalsozialistischen Vernichtungskrieg und den Völkermorden – etwa in Polen, in Frankreich oder in Serbien? Wie wurde die politische Zäsur 1945 gedeutet – wie lässt sich diese Sinngebung heute erklären? Welche Perspektiven auf das Jahr 1945 sind zu Unrecht wieder vergessen gemacht worden? Was lässt sich zum 70. Jahrestag 2015 international beobachten? Inwiefern bestimmt und betrifft das Ende des Zweiten Weltkrieges und die Befreiung der Lager noch die heute 20-Jährigen, also Ihr eigenes politisch-ethisches Selbstverständnis in der Welt?

Zur Einführung:
Keith Lowe, Der wilde Kontinent. Europa in den Jahren der Anarchie 1943-1950, Stuttgart 2014; Rudolf von Thadden, Steffen Kaudelka (Hg.). Erinnerung und Geschichte. 60 Jahre nach dem 8. Mai 1945, Göttingen 2006;  Bernd-A. Rusinek (Hg.), Kriegsende 1945. Verbrechen, Katastrophen, Befreiungen in nationaler und internationaler Perspektive, Göttingen 2004; Peter Hurrelbrink, 8. Mai 1945 – Befreiung durch Erinnerung. Ein Gedenktag und seine Bedeutung für das politisch-kulturelle Selbstverständnis in Deutschland, Bonn 2005; Jan-Holger Kirsch, „Wir haben aus der Geschichte gelernt“. Der 8. Mai als politischer Gedenktag in Deutschland, Köln 1999.


Wintersemester 2014/15

Hauptseminar
Prof. Dr. Volkhard Knigge / Dr. Axel Doßmann
„Aufarbeitung der Vergangenheit – ein Projekt am Ende?
Gedenkstättenarbeit und historisches Lernen nach dem Ende der Zeitgenossenschaft


2015 jähren sich das Ende des Zweiten Weltkriegs und die Befreiung der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager zum 70. Mal. Nur sehr wenige Überlebende der Verfolgung werden dabei als unmittelbare Zeugen noch zugegen sein. Ist mit dem Schwinden der Zeitzeugen Vergangenheit endgültig vergangen? Sind Aufarbeitung der Vergangenheit und Erinnerungskultur identisch? Ist Erinnerung tatsächlich der Königsweg für Demokratie- und Menschenrechtserziehung? Was bedeutet „Lernen aus der Geschichte“? Wie lässt sich historische Erfahrung in Museen und Gedenkstätten vermitteln? Diesen Leitfragen geht das Hauptseminar unter drei Gesichtspunkten nach. Erstens dem der Geschichte der Aufarbeitung und der Gedenkstättenarbeit in Deutschland. Zweitens werden didaktische und methodische Fragen des Lernens aus heilloser Geschichte erarbeitet und diskutiert. Und schließlich bilden Vorbereitung und Gestaltung der Befreiungstage an den Gedenkstätten KZ Buchenwald und Mittelbau-Dora konkrete Bezugspunkte.

Der Besuch des Hauptseminars ist an die Übung „Gedenkstättenarbeit und historisches Lernen“ gekoppelt.

Zur Einführung:
Detlef Garbe (Hg.), Die vergessenen KZs? Gedenkstätten für die Opfer des NS-Terrors in der Bundesrepublik, Bornheim-Merten 1983; Detlef Hoffmann (Hg.), Das Gedächtnis der Dinge: KZ-Relikte und KZ-Denkmäler 1945-1995, Frankfurt/Main 1998; Norbert Frei, Volkhard Knigge (Hg.), Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord, München 2002 (bei der bpb: Bonn 2005); „Am Ende kommen die Touristen“ (D 2007), Spielfilm von Robert Thalheim.

Übung
Prof. Dr. Volkhard Knigge / Dr. Axel Doßmann
Gedenkstättenarbeit und historisches Lernen
1945 im Rückspiegel: Geschichte und Zukunft politischer Gedenktage


„Objects in mirror are closer than they appear“ – gilt das auch für 1945? Inwiefern bestimmt und betrifft der Nationalsozialismus, das Ende des Zweiten Weltkrieges und die Befreiung der Lager noch unsere Gegenwart? Was wurde und was sollte gelernt werden aus der nationalsozialistischen Erfahrung, dem Vernichtungskrieg und den Völkermorden? Welche Inhalte, Programmatiken und Formen historisch-politischer Bildung sind zu vergangenen Jahres- und Gedenktagen entwickelt worden, insbesondere an KZ-Gedenkstätten? Welche Perspektiven auf das Jahr 1945 sind zu Unrecht wieder vergessen gemacht worden? Nicht zuletzt: was halten Sie für das Gedenkjahr 2015 für dringend und notwendig?

Zur Einführung:
Kriegsende 1945. Verbrechen, Katastrophen, Befreiungen in nationaler und internationaler Perspektive, hg. von Bernd-A. Rusinek, Göttingen 2004; Peter Hurrelbrink, 8. Mai 1945 – Befreiung durch Erinnerung. Ein Gedenktag und seine Bedeutung für das politisch-kulturelle Selbstverständnis in Deutschland, Bonn 2005; Jan-Holger Kirsch, „Wir haben aus der Geschichte gelernt“. Der 8. Mai als politischer Gedenktag in Deutschland, Köln 1999.



Dr. Axel Doßmann
Geschichte in Medien und Öffentlichkeit: Eine Einführung in Praxis und Forschung

Geschichte und Geschichtsbilder werden stets auch jenseits von Schule oder Universität gestaltet und geprägt. Alte und neue Akteure, Formate und Genres prägen intermedial die Geschichtskulturen der Gegenwart. Politiker, Medien und Unternehmen versuchen mit Geschichte Aufmerksamkeit, Marktvorteile und Profit zu erlangen. Dabei entstehen neue Arbeitsfelder, Zumutungen und Herausforderungen für historische Bildung in aufklärerischer Absicht. Um so wichtiger ist es, dass Sie frühzeitig über Ihre eigenen Positionen und Rollen, über Qualitätskriterien, Chancen, Fallen und Versuchungen reflektieren.

2014 und 2015 bieten als Gedenkjahre beinahe täglich Stoff zur Analyse von Kriegs- und NS-Geschichte in Medien und Öffentlichkeit: Entlang von Filmen, Ausstellungen, öffentlichen Veranstaltungen und natürlich Texten werden wir Konzepte, Kategorien und Begriffe erproben zur Analyse der Funktion und Ästhetik von Repräsentationsformen und ihrem Wandel.

Zur Vorbereitung:
Ausstellung „Heimatfront. Eine mitteldeutsche Universitätsstadt im Ersten Weltkrieg“ am Stadtmuseum Jena; „Phönix“ (Deutschland 2014), Spielfilm von Christian Petzold; „Nacht und Nebel“ (Frankreich 1955). Film von Alain Resnais; „Das radikal Böse“, Film von Stefan Ruzowitzky (Deutschland / Österreich 2013); Jan Süselbeck, Im Angesicht der Grausamkeit. Emotionale Effekte literarischer und audiovisueller Kriegsdarstellungen vom 19. bis zum 21. Jahrhundert, Göttingen 2013. 



Dr. Axel Doßmann
Zeugnis und Zeugenschaft in der Geschichte

Fragt man sich, wie historisches Wissen in die Welt kommt und begründet wird, ist eine theoretisch und methodologisch fundierte Auseinandersetzung mit Fragen der Zeugenschaft unverzichtbar. Das Seminar fragt nach dem Bedeutungswandel von Zeugenschaft in der Gesellschaft: Was zeichnet/e Zeugen jeweils aus: vor Gericht, im Museum, Radio, Film und Fernsehen oder vor dem Mikrofon von Oral Historians? Wie stark ist das Bezeugte von den Zuhörern, den Adressaten, der Geschichtskultur geprägt? Wie kann eine Mediengeschichte des historischen Zeugen konzipiert werden? Warum sind „Zeitzeugen“ heute in Bildung und Medien oft so begehrt? Neben Fallbeispielen aus der Antike, dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit liegt der Schwerpunkt auf dem Umgang mit Zeugenschaft seit 1900, um damit für die gegenwärtige Geschichtskultur relevante Fragen zur audiovisuellen Zeugenschaft diskutieren zu können.

Zur Einführung:
Mark Roseman, In einem unbewachten Augenblick. Eine Frau überlebt im Untergrund, Berlin 2004; Norbert Frei, Martin Sabrow (Hg.), Die Geburt des Zeitzeugen nach 1945, Göttingen 2012; Sibylle Schmidt, Sybille Krämer, Ramon Voges (Hg.), Politik der Zeugenschaft. Zur Kritik der Wissenspraxis, Bielefeld 2011.


Dr. Axel Doßmann / Prof. Dr. Anke John
Abkehr von Weimar. Wie etablierte sich die nationalsozialistische Herrschaft in Jena? Projektseminar zum forschenden Lernen und Lehren

Hinsichtlich der Etablierung der nationalsozialistischen Herrschaft richtet sich die Aufmerksamkeit zuallererst auf die Ereignisse 1933 in Berlin und die internationalen Reaktionen, seltener auf die Wahrnehmung in anderen Orten und Regionen des Reiches. Am Beispiel der Geschichte Jenas fragen wir nach den Reaktionen seiner Einwohner auf die Nachricht von der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. Je nach politischen Erfahrungen, Haltungen und persönlichen Neigungen verbanden die Menschen nach den vielen Regierungswechseln der Weimarer Republik euphorische, besorgte oder skeptische Vorstellungen mit dem 30. Januar 1933, auch die illusorische Erwartung eines gewohnten baldigen Regierungsendes. Wie etablierte sich angesichts dessen die nationalsozialistische Herrschaft in Jena? Wie veränderte dabei der Wandel von Recht, Medien und Öffentlichkeit(en) die Machtverhältnisse? Und wie tragen Einsichten auf regional- und stadthistorischer Ebene zu einem tieferen Verständnis des Scheiterns Weimars und der NS-Geschichte bei?

Ausgehend von diesen Fragen lädt unser Seminar zu quellennaher Arbeit ein: in den Jenaer Stadt-, Universitäts- und Firmenarchiven, in Sammlungen und Bibliotheken. Es zielt auf eine historisch wie fachdidaktisch informierte und reflektierte Erarbeitung von Lehr- und Lernmaterialien. Die Befragung von Dokumenten „aus der Zeit“ und das forschend-entdeckende Lernen bilden das Fundament historischer Erkenntnis und sind zugleich wichtige geschichtsdidaktische Prinzipien, die an den Schulorten des Referendariats, einer sich anschließenden Lehrertätigkeit bzw. in anderen Vermittlungskontexten nutzbar gemacht werden können. Ausgangspunkt ist der aktuelle Forschungsstand zur nationalsozialistischen Machtetablierung, die in Thüringen bereits vor dem Januar 1933 einsetzte und deren regionalgeschichtliche Erkundung in den neuen kompetenzorientierten Lehrplänen und Geschichtslehrbüchern angeregt wird.

In Blockveranstaltungen wird die Recherche und weitere Planung eines historischen Lernprojektes beraten, das für einen thematischen Teilbereich bearbeitet werden soll. Das Seminar wendet sich an alle Studiengänge und setzt Engagement und Neugier zur Geschichte des 20. Jahrhunderts voraus.

Literatur: Detlev Heiden, Gunther Mai (Hg.), Nationalsozialismus in Thüringen, Weimar u.a. 1995;  Uwe Hoßfeld, Jürgen John, Oliver Lehmuth und Rüdiger Stutz (Hg.), Kämpferische Wissenschaft. Studien zur Universität Jena im Nationalsozialismus, Köln u.a. 2003; Ian Kershaw, Hitler, Bd. 1: 1889-1936, München 2001, S. 547-662; Michael Sauer (Hg.), Spurensucher. Ein Praxisbuch für historische Projektarbeit, Hamburg 2014.

Sommersemester 2014

Andrej Ivanji (Belgrad)
Journalismus als historisches Erinnern in den Nachkriegsgesellschaften des ehemaligen Jugoslawiens
Übung als Blockseminar

Gleichgeschaltete, politisch und ideologisch eingespannte Medien hatten Anfang der 1990er Jahre maßgebend dazu beigetragen, dass ein friedliches, multinationales Land in einen Schlachthof verwandelt wurde, Menschen dem nationalistischen Wahn verfielen, Massenmorde und ethnische Säuberungen gerechtfertigt werden konnten. In den heutigen Nachkriegsgesellschaften formen nationale Medien ein kollektives historisches Erinnern an den jeweils „ehrenwerten Verteidigungskampf“ des eigenen Volkes gegenüber der „verbrecherischen Aggression“ der anderen Völker. Eigene Verbrechen werden totgeschwiegen, die der anderen hervorgehoben, das gilt für Serbien wie für Kroatien, Bosnien oder das Kosovo. Jedes Volk hält an seiner historischen Wahrheit fest, sieht sich als Opfer fremder Mächte. Zu einer selbstkritischen Aufarbeitung der Geschichte kommt es nur in Ansätzen. Wie könnte nicht zuletzt journalistische Selbstaufklärung dazu beitragen, dass nationalistische Ideologien nicht wieder auferstehen? Wie kann die von allgemeiner sozialer Miesere bedrückte Region aus dem Teufelskreis der gegenseitigen Schuldzuweisungen wieder heraus gelangen? Ist der so genannte Westbalkan ein Pulverfass geblieben oder steuert die Region unwiderruflich auf die EU zu? (Andrej Ivanji)

Andrej Ivanji gehört zu den reflektiertesten Beobachtern und Kommentatoren der Kriege im ehemaligen Jugoslawien. Als Redakteur des serbischen Wochenjournals „Vreme“ und als Korrespondent der taz aus Berlin, des österreichischen Standards und als Gastautor bundesdeutscher Zeitungen trug und trägt er viel dazu bei, das die oben skizzierte Lage – für uns Außenstehende? – nicht völlig hoffnungslos ist. Als Lehrbeauftragter wird Andrej Ivanji in Jena wichtige Einblicke in die Relevanz historischen Wissens und politischer Reflexion für die journalistische Praxis geben. Das Seminar ist auf 15 Teilnehmerinnen und Teilnehmer limitiert, bitte melden Sie sich bis 30. März per email an: axel.dossmann@uni-jena.de

Zur Vorbereitung: Vladimir Arsenijevi?, Cloaca maxima. Eine Seifenoper, (serbisch 1994) Berlin 1996; Holm Sundhausen, Jugoslawien und seine Nachfolgestaaten 1943–2011. Eine ungewöhnliche Geschichte des Gewöhnlichen, Köln u.a. 2012; Christian Wehrschütz, Im Kreuzfeuer – Am Balkan zwischen Brüssel und Belgrad, Wien 2009; Thomas Schmid (Hg.), Krieg im Kosovo, Reinbek bei Hamburg 1999.

Im September 2013 fand die 10-tägige Exkursion in die Zerfallsstaaten Jugoslawiens statt. Einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben ihre Eindrücke und Recherchen in einem Essay analytisch reflektiert: „(Post-)Jugoslawische Geschichtskultur: Ein Blick durch das Schlüsselloch“.
Das Essay „(Post-)Jugoslawische Geschichtskultur“ zum Download


Prof. Dr. Volkhard Knigge
Wie man (Zeit-)Geschichte ausstellen kann
Hauptseminar

Historische Ausstellungen gehören zu den Leitmedien der Prägung von Geschichtsbewusstsein in der Gesellschaft. In Deutschland übertrifft die Zahl der Ausstellungsbesucher die der Fußball Bundesliga. Im Gegensatz zum Buch vermitteln Ausstellungen Geschichte nicht nur durch Texte sondern durch die Analyse und Verknüpfung von originalen Zeugnissen der  Vergangenheit – Objekte, Bilder, Dokumente, audiovisuelle Quelle u. a. – mit Deutungen der Vergangenheit, die mehr oder minder geschichtswissenschaftlich fundiert sein können. Weil Ausstellungen visualisierende, zeigende Medien sind, verbindet sich mit ihnen unabweislich die Frage, ob und in wieweit man Geschichte überhaupt sehen kann.
Das Hauptseminar führt in Geschichte und Konzepte des Ausstellens von Geschichte ein und diskutiert aktuelle Entwicklungen und Leitbegriffe an konkreten Beispielen aus Deutschland und Europa. Besonderes Augenmerk gilt Konzepten für das Ausstellen der extremen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Ein praktischer Bezugspunkt ist die derzeitige Entwicklung einer neuen Dauerausstellung zur Geschichte des KZ Buchenwald. Kurzexkursionen zu relevanten Ausstellungen im Nahbereich sind ebenso Bestandteil des Hauptseminars wie praktische Einblicke in Sammlungen vor Ort. Auf Grund des Themas ist das Hauptseminar in Form von Blockveranstaltungen organisiert und findet bis auf die Eingangsveranstaltung im Tagungshaus der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora statt. Einzelheiten werden im Rahmen der Eingangsveranstaltung abgestimmt.


Dr. Axel Doßmann
Fotografie, Film Zeugenschaft:
Chancen und Grenzen audiovisueller Geschichtsdarstellung
Mit der Erfindung von Fotografie und Film wurden mediale Bilder als sekundäre Zeugen und Beweise für historisches Geschehen etabliert. Schon früh wurde dieses Denken kritisiert, aber noch heute gelten solche Bildmedien vielen als authentisch. Wie hat sich der Umgang mit Bildern und Zeugenschaft im Medium Film historisch entwickelt? Die Übung wird  entlang weniger, aber herausragender Filme und darin integrierter Fotos erkunden, welches Potential, welche Spezifika, welche Herausforderungen audiovisuelle Überlieferungen für die Interpretation von Vergangenheit und die Darstellung von Geschichte birgt. Thematisch stehen Darstellungen zur Geschichte faschistischer Bewegungen und autoritärer Regime der Zwischenkriegszeit sowie die Geschichte nationalsozialistischer Lager im Vordergrund. Der Filmklassiker „Nacht und Nebel“ (1955) von Alain Resnais bildet dabei den Ausgangs- und Referenzpunkt für methodisch und theoretisch reflektierte Untersuchungen zur Gebrauchsgeschichte von Archivbildern und Zeugenaussagen. Dabei können u.a. auch dokumentarische Filme von Eberhard Fechner, Claude Lanzmann, Harun Farocki, Philip Scheffner und Romuald Karmakar sowie Lehrfilme der Gedenkstätte Buchenwald seit 1958 behandelt werden.
Um gemeinsame Sichtung und intensive Diskussionen zu ermöglichen, findet die Veranstaltung 14-tägig als 3-stündiges Seminar statt.


Dr. Axel Doßmann
Wie verändert digitale Geschichte historische Forschung und Bildung?
Wer eine Frage hat, geht heute oft zunächst „ins Netz“, dazu lädt auch jede Bibliothek ein. Doch auch die Arbeit mit dem Netz will gelernt sein. Vernetzte Computer und digitale Darstellungen sind darüber hinaus längst nicht mehr nur Werkzeuge, sondern Ort und Gegenstand wissenschaftlicher Kommunikation über Geschichte geworden. Digital verfügbare Quellen und Informationen bilden jedoch an sich noch kein Wissen. Ohne Ihre Fragen und Ihr Vorwissen gehen Sie im Internet schnell „verloren“. Sie brauchen wie im analogen Leben Kriterien für Qualitäten und die Relevanz digitaler Ressourcen. Das Seminar untersucht darum, wie das World Wide Web schulische und akademische Lehre und Forschung, diverse Geschichtskulturen und Geschichtsbewusstsein verändert und neu konturiert.
Zugleich etabliert das Angebot eine Schreibwerkstatt: Sie üben das eigene Schreiben von Kritiken und Kommentaren zur Geschichtskultur im Internet. Das Angebot ist auf max. 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer begrenzt.


Dr. Axel Doßmann
Geschichte hören?
Über Tonaufzeichnungen und Stimmen aus dem Archiv
„Der Phonograph ermöglicht, dass ein Mann, der schon lange im Grabe ruht, noch einmal seine Stimme erhebt und die Gegenwart begrüßt“, ließ Generalfeldmarschall von Moltke  begeistert verlauten als er 1889 erstmals Thomas Edisons Phonographen erlebte. Bald begannen große Staatsmänner, ihr eigenes Reden zu verewigen. Was hören wir, wenn auf diese Weise „Tote sprechen“? Wessen Stimmen wurden überhaupt aus welchen Gründen gespeichert, also auf Dauer hörbar gemacht? Seit den 1990er Jahren haben historische Kulturwissenschaften ihre Aufmerksamkeit für den Hörsinn und akustische Quellen geschärft. In diesem Seminar wird das Politische von Hörbarmachungen in den 1950er bis 1970er Jahren im Vordergrund stehen, u.a. die Beatmusik der 1960er Jahre in Bundesrepublik und DDR; Aufzeichnungen von Margarete Mitscherlich, Theodor Heuss, Martin Luther King, Beate Klarsfeld, Rudi Dutschke, Hannah Arendt und Jean Améry; geheimdienstliche und oppositionelle Mitschnitte in West wie Ost sowie Tonbänder, Reportagen und Theaterstücke zum Auschwitzprozess (1963-65). Gefragt wird nach den Gründen und technischen Bedingungen der Aufnahmen von menschlichen Stimmen und Geräuschen und wie sie in audiovisuellen Montagen bis heute technisch reproduziert werden.
 

Dr. Axel Doßmann
Geschichte in Medien und Öffentlichkeit: Eine Einführung in Praxis und Forschung
3-D-Animationen von noch lebenden Shoah-Zeugen im Klassenraum oder virtuelle Steinzeitmenschen im Museum; kluge historische Reflexion im Comic oder Roman; historisches footage auf youtube und archive.org oder Geschichte als Reenactment oder online-Spiel – Geschichte und Geschichtsbilder werden immer mehr auch jenseits von Schulen oder Universitäten gestaltet und geprägt. Alte und neue Akteure, Formate und Genres prägen intermedial die Geschichtskulturen der Gegenwart. Politiker, Medien und Unternehmen versuchen mit Geschichte Aufmerksamkeit, Marktvorteile und Profit zu erlangen – solche Prozesse provozieren neue Arbeitsfelder, Zumutungen und Aufgaben für historische Bildung in aufklärerischer Absicht.
Das Seminar führt anhand von Beispielen, die sowohl der Dozent als auch die Studierenden wählen, an relevante geschichtskulturelle Phänomene heran, erarbeitet Konzepte und Begriffe zur Analyse des Wandels der Repräsentationsformen und Kategorien für konstruktive Kritik am Umgang mit Geschichte – auch dem der Wissenschaft selbst. Neben internationalen Bezügen werden Stadterkundungen in Jena und Weimar Anlass bieten, die Relevanz von Theorien und Methoden als Werkzeug für die eigene Interpretation schätzen zu lernen.

Wintersemester 2013/14

NS-Geschichte in der historischen Bildung
Wie und zu welchem Ende kann aus ´negativer Vergangenheit´ gelernt werden?

Dr. Axel Doßmann / Prof. Dr. Anke John
Seminar / Aufbaumodul

Die Geschichte des Nationalsozialismus im Geschichtsunterricht stößt heute meist aus anderen Gründen auf Abwehr als noch in den ersten zwei Nachkriegsjahrzehnten der Bundesrepublik. Nach dem Ende des „Dritten Reiches“ waren es dort oft die Lehrenden, die eine kritische Auseinandersetzung mit dem  NS-Staat und seiner Gesellschaft aus persönlichen Gründen vermieden, zumal diese Geschichte noch gar nicht in Lehrplänen verankert war. In der DDR ließen sich viele Neulehrer auf die Dimitroffsche These vom Faschismus ein; zeithistorische Geschichte wurde in Schulen instrumentalisiert, um den „antifaschistischen Staat“ zu legitimieren. Heute sind es eher die Lernenden, die das – nach zähen Auseinandersetzungen – politisch und pädagogisch fest verankerte Thema satt haben oder es als langweilig bzw. irrelevant erleben: Einerseits zu viele moralische Imperative, zu viel Staatsräson. Andererseits weckt die Popkultur, in der Hitler zur Witzfigur geworden ist oder dämonisiert wird, neues Interesse.   

Dieses Seminar ist mit einer Übung gekoppelt und verfolgt zwei Hauptziele: Im exemplarischen Rückblick auf die Genese und den Wandel von Geschichtskulturen und Unterrichtspraxis sollen heute dominante Ansätze der Vermittlung von NS-Geschichte in der Gegenwart besser verstanden und angemessen diskutiert werden. Im zweiten Schritt werden neuere Konzepte und Perspektiven vorgestellt in Bezug auf a) den Umgang mit historischen Quellen und medialen Darstellungen , b) außerschulische Lernformen und c) Kriterien für die Auswahl der Themen und ihre didaktisch-methodische Verknüpfung. 

Das Seminar ist auf 20 Teilnehmende limitiert. In der Geschichtsdidaktik kann es als Vorbereitungsmodul für die Prüfung genutzt werden.

Lehr- und Lernstrategien am Beispiel von Bildungskonzepten zur NS-Geschichte 

Prof. Dr. Anke John / Dr. Axel Doßmann
Übung

Die Übung vertieft Aspekte des Seminars. Wir möchten mit Ihnen Ideen zur Vermittlung der Geschichte des Nationalsozialismus an Kinder und Jugendliche evaluieren und entwickeln. Wahlweise sind dabei u.a. die Konzipierung eines schulinternen Rahmenplans, die Erstellung historischer Lehr- und Lernmaterialien, die Planung eines historischen Projektes möglich. Dabei soll stets die Relevanz medialer Überlieferung und spezifischer Medienformate für didaktische Strategien des Lehrens und Lernens reflektiert werden. Aufmerksamkeit finden insbesondere regionalgeschichtliche Perspektiven und erinnerungskulturelle Phänomene, die den Lebensweltbezug historischer Bildung stützen und ihre Innovation verlangen. Mit dieser Devise begeben wir uns auf historische Spurensuche in Jena, treffen uns zur Filmdiskussion und befassen uns mit öffentlichen Debattenbeiträgen zur gegenwärtigen Geschichtskultur und Unterrichtspraxis.


Sommersemester 2013

Verlorene Zukunft?
Geschichtskultur und zeithistorische Museen im ehemaligen Jugoslawien


Prof. Dr. Volkhard Knigge / Prof. Dr. Joachim von Puttkamer
Hauptseminar mit großer Exkursion nach Mazedonien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Serbien

Der gewaltsame Zusammenbruch Jugoslawiens hat eine Trümmerlandschaft hinterlassen, und dies nicht nur im wörtlichen Sinne. Zeithistorische Orientierungen sind in den Nachfolgestaaten schwer zu formulieren und meist hart umstritten. Die Erinnerungen an Titos Jugoslawien und seine Geburt aus dem Zweiten Weltkrieg ragt beziehungslos in die Gegenwart oder wird zum Ausgangspunkt nostalgischer Verklärungen. Daneben stehen aus den Zerfallskriegen erwachsene und oft höchst widersprüchliche nationale Selbstvergewisserungen der Gegenwart. Das Seminar geht diesen Spuren nach und erarbeitet eine Übersicht über die zeithistorische Museumslandschaft, die der Vorbereitung einer Exkursion im September 2013 dient.

Essay zur (Post-)Jugoslawischen Geschichtskultur

Im Anschluss an die 10-tägige Exkursion in die Zerfallsstaaten Jugoslawiens haben einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Eindrücke und Recherchen in einem Essay analytisch reflektiert: „(Post-)Jugoslawische Geschichtskultur: Ein Blick durch das Schlüsselloch“.
Das Essay „(Post-)Jugoslawische Geschichtskultur“ zum Download

Historische Spuren und Denkmale interpretieren lernen: Archivforschungen zur Geschichtskultur Jenas

Dr. Axel Doßmann
Übung / Aufbaumodul

Wie ist in Jena mit den materiellen Spuren der Weltkriege, der NS-Zwangsarbeit und der Oppositions- und Protestgeschichte umgegangen worden? Wie werden „Denkmale aus der Zeit“ durch Nachnutzung von neuen Zeitschichten überlagert? Wie, von wem und warum wurden welche Ereignisse und Personen mit „Denkmalen an die Zeit“ gedeutet? Wie werden solche vergegenständlichten Erinnerungen im öffentlichen Raum heute genutzt? Die Bearbeitung solcher Fragen verlangt offene Sinne, historisches Kontextwissen und den Weg in Archive und Bibliotheken. Dort gilt Reinhart Kosellecks Satz: „Quellen schützen uns vor Irrtümern, nicht aber sagen sie uns, was wir sagen sollen. Deshalb benötigen wir eine Theorie möglicher Geschichte“.

Nach einführenden Seminarsitzungen und Stadterkundungen werden die Teilnehmer/innen ihre Themen und Gegenstände wählen, eigene Fragen entwickeln und nach selbständigen Archiv- und Literaturrecherchen im Juni ihre Arbeitserfahrungen, Quellen und (Zwischen-)Ergebnisse vorstellen und diskutieren.

Film, Fotografie, Zeugenschaft:
Chancen und Grenzen audiovisueller Geschichte am Beispiel von „Nacht und Nebel“

Dr. Axel Doßmann
Übung

Wie und warum entsteht historisches Wissen – und was befördert und begrenzt  historische Aufklärung in der Öffentlichkeit? Im Fall des Films „Nacht und Nebel“ (1955) begann vieles mit dem Wunsch zwei französischer Historiker, einen Film zum KZ-System zu realisieren, der „ausschließlich rein historische Dokumente enthalten soll, die von jeder uns zum Thema vorliegenden Erfahrung bestätigt werden.“ (Olga Wormser, 1954).

Allein diese Aussage wirft wichtige Fragen nach dem Versprechen des Dokumentarischen auf. Was kann uns ein Film zeigen, sehen und denken lassen? Der junge Regisseur Alain Resnais und sein Team montierten, komponierten und kommentierten mit „Nuit et brouillard“ Zeitgeschichte in 32 Minuten. Diese  schrieben Filmgeschichte, wurden zensiert und verändert, vor Gericht gezeigt und prägen bis heute unsere Vorstellungen zur NS-Zeit. Der politisch, historisch, ethisch und ästhetisch umstrittene Filmklassiker bildet im Seminar den Ausgangs- und Referenzpunkt für methodisch und theoretisch reflektierte Untersuchungen zur Überlieferungs- und Gebrauchsgeschichte ausgewählter Filmbilder und Fotografien.

Wintersemester 2012/13

Heillose Geschichte. Oder: Kann man aus historischen Katastrophen lernen?

Prof. Dr. Volkhard Knigge
Hauptseminar 

Was kann es heißen, aus der Geschichte zu lernen? Lassen sich wirksame Lehren aus Begebenheiten und historischer Erfahrung ziehen? Insbesondere aus Ereignissen und Erfahrungen praktizierter Menschenfeindlichkeit, wie sie das 20. Jahrhundert in bis dahin nicht vorstellbarem Ausmaß geprägt hat? Ist ein Geschichtsbewusstsein denkbar – und wie kann es erworben werden? –, in dem sich historisches Wissen und historische Vorstellungskraft, historisches und moralisches Urteilen so verbinden, dass eine menschenwürdige Zukunft sicherer wird? Welchen Beitrag können Schule und außerschulische Lernorte dazu leisten?

Historische Verbrechen darstellen
Fallbeispiele aus Wissenschaft und populären Medien

Aufbaumodul / Übung
Dr. Axel Doßmann

Neben Kriminalisten, Juristen, Journalisten, Regisseuren und Ausstellungsmachern sind es auch Historikerinnen und Historiker, die historische Verbrechen entlang von Spuren,  Zeugenaussagen und Dokumenten beurteilen und darstellen. Im Seminar untersuchen wir ausgewählte populäre und wissenschaftliche Darstellungen von berühmten Kriminalverbrechen (z.B. Jack the Ripper, Fritz Haarmann, Bruno Lüdke), terroristischen Verbrechen (z.B. München 1972, RAF, deutscher Rechtsterrorismus) und von Gemeinschaftsverbrechen wie die des Stalinismus und des Nationalsozialismus.

Welche unterschiedlichen Wahrheitsvorstellungen und Strategien der Beweisführung sind für die jeweiligen Darstellungen massgeblich? Welche Funktion erhalten historische Quellen für die Narration und Visualisierungen in verschiedenen Medienformaten? Welche Formen des Dokumentarischen werden beim jeweiligen Gestalten von Geschichte(n) genutzt und entwickelt?

Geschichte wird gemacht:
1989/90 als Gegenstand öffentlicher Deutung von 1989 bis in die Gegenwart


Dr. Axel Doßmann
Aufbaumodul / Übung

„Wir sind das Volk“ - mit diesem Sprechchor legitimierten sich Demonstranten von 1989 selbst und forderten Volkspolizisten, Staatssicherheit und DDR-Regierung zugleich vielstimmig heraus. Dieser Ruf hat Beteiligte die Macht und Gewalt der Strasse als aber auch von Medien spüren lassen. Wenige Minuten und Stunden vergingen und manche der Ereignisse im Herbst 1989 erlebten als „historische Momente“ ihren ersten Fernsehauftritt. Einige von ihnen werden bis heute als Versatzstücke in TV-Dokus montiert, beglaubigt von sich erinnernden Zeitzeugen. Doch woran liegt es (ausserdem), dass heute viele „1989/90“ vor allem mit „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“ verbinden? Was macht einige der Akteure aus den Bürgerrechts-, Umwelt- und Friedensgruppen der DDR zu Kritikern solcher Geschichtsbilder? Wie wird die Formel „friedliche Revolution“ in der politischen und historischen Bildung verstanden?

Im Seminar sollen zum einen die spezifischen Funktionen von Medien und medialer Darstellung für die historischen Prozesse selbst untersucht werden. Zum anderen geht es um politische, historiographische und geschichtspolitische Konjunkturen und Debatten, die die öffentliche Deutung des 40. und 41. Jahres von DDR und Bundesrepublik auszeichnen. Geübt werden soll dabei stets, historische Dokumente durch Fragen in Zusammenhänge zu stellen und ihre Aussagekraft zu diskutieren.

Deutsche/s in Palästina und Israel:
Geschichte(n), Spuren, Repräsentationen
3. bis 12. September 2012 in Israel


Prof. Dr. José Brunner (Tel Aviv), Dr. Axel Doßmann, Prof. Dr. Volkhard Knigge Hauptseminar / Weimar Summer School

Zum dritten Mal bietet die WEIMAR SUMMER SCHOOL in Kooperation mit dem Minerva Institut für Deutsche Geschichte der Universität Tel Aviv die Chance auf wissenschaftliche Qualifikation in einer internationalen Studien- und Diskussionsgruppe von je sieben Studentinnen und Studenten aus Jena und Tel Aviv. Die Summer School 2012 fragt nach den Wirkungen und Spuren deutscher und deutsch-jüdischer Geschichte in Israel vor und nach der Staatsgründung. Das Untersuchungsfeld reicht von den ersten Einwanderern aus Deutschland im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, über kirchliche Aktivitäten im „Heiligen Land“, den Ersten Weltkrieg dort, die Flucht deutscher Juden vor dem Nationalsozialismus, die Erfahrungen deutschsprachiger Holocaustüberlebender bis hin zur deutsch-israelischen Geschichte der Gegenwart.

Nachgegangen wird politischen, geistesgeschichtlichen und kulturellen Verschränkungen an Hand der Spuren und Orte, in denen sie sich manifestieren: Sakralbauten, Siedlungen wie der deutschen Kolonie in Haifa, Soldatenfriedhöfen, Kibbuzim, Museen wie dem für das deutschsprachige Judentum in Tefen oder Denkmalen und Gedenkstätten an die NS-Verbrechen. Einbezogen werden auch Erinnerungsorte der deutsch-arabischen Geschichte im 20. Jahrhundert sowie die Frage, welche Rolle das deutsch-jüdische Bildungsgedächtnis – Stichwort Weimar – für Vorstellung und Repräsentation von Deutschem in Palästina/Israel gespielt hat und spielt. Gespräche mit Zeitzeugen, Wissenschaftlern und Repräsentanten israelischer und deutscher Institutionen sind geplant.

Sommersemester 2012

Neonazis in populären Medien
Selbst- und Fremdbilder in Geschichte und Gegenwart

Dr. Axel Doßmann
Übung / Seminar

Die Nachrichten über die Mordserie der Jenaer Terroristen haben auch diejenigen schockiert, die von sich glaubten, den deutschen  Rechtsradikalismus nicht zu unterschätzen. Weder eine nachträgliche Dämonisierung des Neonazi-Trios noch die Fixierung auf berechtigte Kritik staatlicher Aufklärungsarbeit wird den Fragen nach historisch-gesellschaftlichen Gründen für Menschen- und Fremdenfeindlichkeit und rassistische Gewaltformen gerecht.

Das Seminar unternimmt Erkundungen zur öffentlichen Interpretation der langen Geschichte rechtsextremer Gewalt in Deutschland. Denn der Rückblick in die jüngste Zeitgeschichte kann erhellend sein: Wie wurde über Neonazis in den letzten Jahrzehnten öffentlich geredet? Welche Bilder dominierten? Wie reagierten Staat und Zivilgesellschaft auf die unheimliche Wiederkehr nationalsozialistischer Symbole und Gesten? Und nicht zuletzt: Was erfahren wir über das gesellschaftliche, also unser  Verhältnis zu den Opfern terroristischer Gewalt? Im Seminar soll vor allem das öffentliche Bild von Neonazis seit den 1960er Jahren exemplarisch im Zentrum stehen: Das mediale Selbst- und Fremdbild in Print- und online-Medien und besonders filmische Annäherungen an die Neonazi-Szene.
Erwartet werden Interesse an Konzeptarbeit und eigene Recherchen. Das Seminar ist auf 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer limitiert. Bitte besuchen Sie möglichst die Vorlesung von Prof. Dr. Norbert Frei „Rechtsradikalismus in Deutschland von 1945 bis heute“.

Zur Vorbereitung:
Wolfgang Benz (Hg.), Rechtsextremismus in Deutschland. Voraussetzungen, Zusammenhänge, Wirkungen, Frankfurt/M. 1994; Jan C. Behrends, Thomas Lindenberger, Patrice G. Poutrus (Hg.), Fremde und Fremd-Sein in der DDR. Zu historischen Ursachen von Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland, Berlin 2003; Andreas Klärner, Michael Kohlstruck (Hg.), Moderner Rechtsextremismus in Deutschland, Hamburg 2006; Filmauswahl: „Unsere Kinder“, Regie: Roland Steiner, 1989; „Beruf Neonazi“, Regie: Winfried Bonengel, 1993; Filme von Thomas Heise: „Stau – Jetzt geht's los“, 1992; „Neustadt (Stau – Der Stand der Dinge)“, 1999/2000; „Kinder. Wie die Zeit vergeht“, 2007; „Kriegerin“, Regie: David Wnendt, 2012; Thüringen-Monitor: www.thueringen.de/de/politisch/tm/.

 

Geschichte ausstellen:
Theorien, Methoden und Wandel musealer Präsentationen

Dr. Axel Doßmann
Seminar / Übung

Geschichte in historischen Ausstellungen erfährt seit den 1980er Jahren eine anhaltende Konjunktur. Im Jahr 2000 wurden über 20 Millionen Besuche in (kultur-)historischen und archäologischen Museen und Ausstellungshäusern gezählt – zehn Jahre später waren es bereits 30 Millionen. Einzelne große Sonder- und Wanderausstellungen erreichen zum Teil mehrere hunderttausend Besucher. Im Spannungsfeld von Unterhaltung, Aufklärung, Stadtmarketing und Identitätspolitiken ist eine große Bandbreite an Konzepten, Ästhetiken und Theorien entstanden, an denen sich viele wissenschaftliche Disziplinen beteiligen.

Die Übung behandelt zentrale Theorien und Konzepte, wobei Fragen zur Funktion und Gestaltung historischer Ausstellungen, die Geschichte musealer Repräsentation von Geschichte sowie die Reflexion sinnvoller Kategorien für eine kritische Analyse von Ausstellungen im Vordergrund stehen. Mit Museums- und Ausstellungsbesuchen (Termine nach Absprache) werden analytische Zugänge geübt. Gefragt wird auch, wie die Digitalisierung die Möglichkeiten und Grenzen des Mediums Ausstellung verändern.

Einführende Literatur:
Detlef Hoffmann, Almut Junker, Peter Schirmbeck (Hg.), Geschichte als öffentliches Ärgernis. Oder: Ein Museum für die demokratische Gesellschaft, Fernwald/Wissmar 1974; Michael Fehr, Stefan Grohé (Hg.), Geschichte – Bild – Museum. Zur Darstellung von Geschichte im Museum, Köln 1989; Gottfried Korff, Museumsdinge. Deponieren – Exponieren, hg. von Martina Eberspächer u. a., Köln, Weimar, Wien 2002; Kristina Janeke, Zeitgeschichte in Museen – Museen in der Zeitgeschichte, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, docupedia.de/zg/Zeitgeschichte_in_Museen.

Lawrence von Arabien – von der Forschung zur Ausstellung

Prof. Dr. Detlef Hoffmann (Oldenburg /München)
Hauptseminar

Lawrence von Arabien (1888-1935) ist durch den vielfach preisgekrönten Film „Lawrence of Arabia“ (Regie: David Lean, 1962) bis heute eine populäre Figur. Der Spielfilm schildert seine Tätigkeit als Verbindungsoffizier zu den beduinischen Streitkräften des Emir Feisal als packendes Abenteuer. Schon bei den Soldaten des Empire und den Beduinen war Lawrence ein geachteter Offizier. Aber erst eine Show des US-Amerikaners Lowell Thomas macht ihn 1919 zu einer Berühmtheit in der englischsprachigen Welt. Als ambitionierter Schriftsteller, der Thomas Edwards Lawrence war, schrieb er seine Erlebnisse in reflexiver Brechung nieder. Die Prachtausgabe unter dem Titel „The Seven Pillars of Wisdom. A Triumph“ erschien 1926, eine gekürzte Ausgabe „Revolt in the Desert“ ein Jahr später. Zu dieser Zeit war er schon Thema für Journalisten und Historiker. 1935 verunglückte er mit seinem Motorrad. In vielen Ländern Europas – so in Frankreich und Deutschland – sowie in der arabischen Welt wurde sein Wirken teils bewundernd teils kritisch reflektiert.

 Die Blockveranstaltung wird sich in drei Teile gliedern: 1. die wissenschaftliche Forschung zu Lawrence, 2. die populäre Rezeption und 3. die daraus von mir entwickelte Ausstellung „Lawrence von Arabien – die Genese eines Mythos“, die bis Mitte September 2010 im Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln zu sehen war.

Literatur:
Detlef Hoffmann, Mamoun Fansa (Hg.), Lawrence von Arabien – Genese eines Mythos, Begleitband zur Ausstellung, Oldenburg 2010; Jeremy Wilson, Lawrence von Arabien. Die Biographie, München 1999 (ausführlicher die ungekürzte Auflage: Jeremy Wilson, Lawrence of Arabia. The authorised biography of T.E. Lawrence, London 1989); John E. Mack, A Prince of Our Disorder. The Life of T. E. Lawrence, Boston und Toronto 1976; für die mediale Rezeption unerläßlich: Lowell Thomas, With Lawrence in Arabia (Erstauflage 1924); kritisch zur medialen Rezeption: Joel C. Hodson: Lawrence of Arabia and American Culture: the making of a transatlantic legend, Westport Con. 1995; wissenschaftliche Edition der Briefe von T.E.Lawrence: http://www.castlehillpress.com/.

Wintersemester 2011/12

 

Vorlesung
Theorie der Geschichtswissenschaft

Prof. Dr. Dr. h.c. Jörn Rüsen
Vorlesung

Die Vorlesung behandelt folgende Themenbereiche, die den Umfang einer „Historik“ abdecken: Was ist Geschichte?; die Prinzipien der historischen Sinnbildung; Geschichte als Wissenschaft; Philosophie der Geschichte; historische Methode; Logik der Geschichtsschreibung; Theorie der Geschichtskultur; die Grundlagen der Geschichtsdidaktik. Diese Themen werden systematisch abgehandelt und an historischen Beispielen erläutert. 

Geschichte in digitalen Medien:
Geschichtstheoretische Herausforderungen und Reflexion der Praxis

Dr. Axel Doßmann
Übung / Seminar

 

Digitale Medialisierung von Geschichte verändert das individuelle Erinnern, die Geschichtskultur als auch die Praxis der Geschichtswissenschaft seit mehr als 20 Jahren. Was bedeuten Web 2.0 und Digitalisierung von Texten und Bildern für Geschichte als Forschung, Schreibpraxis und Darstellung? Welchen Quellenwert haben digitale Bilder? Wie verändern sich die Beziehungen zwischen Geschichtswissenschaft und diversen Öffentlichkeiten? Ob Wikipedia-Einträge oder Docupedia; einestages oder L.I.S.A.; digitale Archive, Ausstellungen und Audio-Walks – die Aktivitäten im Internet sind immer auch Ausdruck von und Symptom für Geschichtsbewusstsein und Vergangenheitsbedürfnisse (Horst Rumpf). Dieses Seminar untersucht den Umgang mit Geschichte und historischen Quellen in digitalen Medien. Welche Zukunft haben Sprache und das Materielle von Geschichtsüberlieferungen angesichts zunehmender Virtualisierung und digitaler Visualisierung? Was bedeuten digitale Werkzeuge für die Narration von Geschichte? Wie wird aus vernetzten Informationen nützliches Wissen für neue Erkenntnisse? Nach welchen Kriterien lassen sich die Qualitäten von Geschichte vermittelnden Webseiten wissenschaftlich analysieren? Inwiefern müssen sich Kompetenzen und Methoden von Historikerinnen und Historikern heute ändern und erweitern?


Das Seminar verknüpft systematische Fragen zur Theorie und Praxis digitaler Medien für die Geschichtswissenschaft und Geschichtsdidaktik mit Übungen zur Kritik einzelner Webseiten und Portale. Gefragt wird nach den kognitiven, politischen, ästhetischen als auch ökonomischen Dimensionen digitaler geschichtskultureller Phänomene. Neben den wöchentlichen Diskussionen mit Impulsreferaten wird eine Moodle-Plattform samt eigenem Wiki-Tool die experimentelle Basis für die Seminarkommunikation darstellen.

Literatur zum Einstieg:

Konrad Becker, Felix Stalder (Hg.), Deep Search. Politik des Suchens jenseits von Google, Innsbruck 2009; Erik Meyer (Hg.), Erinnerungskultur 2.0. Kommemorative Kommunikation in digitalen Medien, Frankfurt/Main 2009; Webseiten: Roy Rosenzweig Center for History and New Media an der George Mason University: http://chnm.gmu.edu/; Docupedia: www.docupedia.de/; hist.net: www.weblog.histnet.ch/ sowie die Dokumentation der Konferenz “httpasts://digitalmemoryonthenet” (2011): www.bpb.de.

Gedenken an die nationalsozialistische Herrschaft in Jena, 1945-2012

 

Dr. Axel Doßmann

Übung / Seminar

 

Im Auftrag des Jenaer Stadtrats wird derzeit ein Konzept zur künftigen Auseinandersetzung mit der NS-Herrschaft in Jena entwickelt. Wie wurde im öffentlichen Raum von Jena bislang mit der Geschichte der Stadt und ihrer Bürger im Nationalsozialismus umgegangen? Wie sind der Zweite Weltkrieg, Rassismus und Antisemitismus, ziviler Ungehorsam, Widerstand und alltägliche Anpassung in Denkmalen der Stadt, in Ausstellungen und Jenaer Stadtführungen thematisiert worden? In diesem Seminar werden an stadtgeschichtlichen Gegenständen wichtige Arbeitsschritte und -techniken historischer Recherche geübt. Das Seminar verbindet auf diese Weise theoretische und methodische Fragen zur Analyse von Geschichtskultur mit den praktischen Herausforderungen wissenschaftlich gestützter und zivilgesellschaftlich getragener Arbeit am historischen Stadtgedächtnis.

Das Seminar knüpft an eine Übung im vergangenen Semester an, deren Besuch hier keineswegs Voraussetzung ist. Es ist beabsichtigt, überzeugende Ergebnisse des letzten und dieses Seminars in einem weiteren dritten Seminar im Sommer 2012 in Form einer kollektiven, studentischen Stadtführung öffentlich zur Diskussion zu stellen.


Zur Vorbereitung:

Marco Schrul, Jenseits der „via triumphalis“. Der Wandel der lokalen Erinnerungskultur in Jena seit 1989, in: Jena – Ein nationaler Erinnerungsort?, hg. von Jürgen John und Justus H. Ulbricht, Köln u.a. 2007, S. 341-356; Volkhard Knigge: Statt eines Nachworts: Abschied der Erinnerung. Anmerkungen zum notwendigen Wandel der Gedenkkultur in Deutschland, in: Volkhard Knigge, Norbert Frei (Hg.), Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord, München 2002, S. 423-440; Detlef Hoffmann, Die materielle Gegenwart der Vergangenheit. Überlegungen zur Sichtbarkeit von Geschichte, in: Klaus E. Müller, Jörn Rüsen (Hg.), Historische Sinnbildung – Problemstellung, Zeitkonzepte, Wahrnehmungshorizonte, Darstellungsstrategien, Reinbek bei Hamburg 1997, S. 473-501.

Sommersemester 2011

Out of Control?
Geschichte in der Öffentlichkeit und die Arbeit des Historikers

Prof. Dr. Volkhard Knigge
Vorlesung

Darstellung und Deutung von Geschichte waren niemals ausschließlich Sache von Historikerinnen und Historikern und fachnahen Institutionen wie Schulen oder historischen Museen. Gerade die Geschichtskultur der Gegenwart wird zunehmend von neuen Akteuren, Medien und Genres geprägt. Historikerinnen und Historiker sehen sich unter massiver Darstellungs- und Deutungskonkurrenz. Es entstehen aber auch neue Arbeitsfelder, Aufgaben, Partnerschaften und Wirkungsmöglichkeiten. Mit diesen Entwicklungen und Phänomenen setzt sich die Vorlesung exemplarisch auseinander und stellt zugleich Kategorien und Begriffe vor, die geeignet sind, die Arbeit des Historikers in der Öffentlichkeit und mit der Öffentlichkeit zu begründen, zu strukturieren und zu reflektieren.

Geschichte in Öffentlichkeiten: Begriffe, Kategorien, Fallbeispiele

Dr. Axel Doßmann
Aufbaumodul und Übung zur Vorlesung „Out of Control?“

Diese Übung öffnet Raum für konzentrierte und vertiefte Auseinandersetzung mit ausgewählten Aspekten der Vorlesung „Out of Control? Geschichte in der Öffentlichkeit und die Arbeit des Historikers“ (Prof. Dr. Volkhard Knigge). Lektüren zu Theorien, Begriffen und Kategorien unterstützen den analytischen Zugriff auf den öffentlichen Umgang mit Geschichte – eine Praxis, die für Historiker auch Quelle ist. Und was für Quelleninterpretation und die Geschichtswissenschaft allgemein gilt, das ist für das verwirrend weite Feld von Geschichte in Öffentlichkeiten besonders dringend: „es bedarf einer Theorie möglicher Geschichte, um Quellen überhaupt zum Sprechen zu bringen“. (Reinhart Koselleck). Ein Schwerpunkt der Übung bezieht sich auf die Frage, worin die politischen Funktionen der Arbeit an Geschichte und die Gründe für deren Wandel bestehen. In welchen Rollen sehen sich Historiker als Akteure der Geschichtskultur? Eine Teilnahme an der Übung setzt den regelmäßigen Besuch der Vorlesung voraus.

Gedenken an die nationalsozialistische Herrschaft in Jena, 1945-2011
Ein Forschungs- und Dokumentationsprojekt, Teil 1

Dr. Axel Doßmann
Aufbaumodul und Übung

Geschichte fängt vor der Haustür an, auch in Jena. Gegenwärtig wird hier über das Verhalten des Reformpädagogen Peter Petersen im Nationalsozialismus gestritten. Damit verknüpft ist die Frage, ob und wie man den Petersen-Platz umbenennen sollte. Da passt es, dass der Jenaer Stadtrat 2010 beschlossen hat, ein Konzept zur Auseinandersetzung mit der NS-Herrschaft in Jena zu entwickeln. Damit vernünftig, ortsbezogen und selbstreflektiert über alte und ggf. neue Gedenk-, Erinnerungs- und Bildungsorte diskutiert werden kann, muss zunächst vergegenwärtigt werden, wie im öffentlichen Raum von Jena bislang mit der Geschichte der Stadt und ihrer Bürger im Nationalsozialismus umgegangen wurde. Das Seminar lädt zu einer forschenden und dokumentierenden Bestandsaufnahme ein, die den Kulturausschuss unterstützen soll.

An lokalhistorischen Gegenständen werden wichtige Arbeitsschritte und -techniken von Historikern geübt. Das Seminar verbindet auf diese Weise theoretische und methodische Fragen zur Analyse von Geschichtskultur mit praktischen Herausforderungen wissenschaftlich gestützter und zivilgesellschaftlich getragener Arbeit am historischen Stadtgedächtnis.

Literatur zur Einführung:

Alois Riegl: Der moderne Denkmalkultus, sein Wesen und seine Entstehung, Wien, Leipzig 1903; Erhalten, zerstören, verändern? Denkmäler der DDR in Ost-Berlin, Berlin 1990; Volkhard Knigge: Statt eines Nachworts: Abschied der Erinnerung. Anmerkungen zum notwendigen Wandel der Gedenkkultur in Deutschland, in: Volkhard Knigge, Norbert Frei (Hg.): Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord, München 2002, S. 423-440; Detlef Hoffmann, Die materielle Gegenwart der Vergangenheit. Überlegungen zur Sichtbarkeit von Geschichte, in: Klaus E. Müller Jörn Rüsen (Hg.), Historischer Sinnbildung –  Problemstellung, Zeitkonzepte, Wahrnehmungshorizonte, Darstellungsstrategien, Reinbek bei Hamburg 1997, S. 473-501.

Wintersemester 2010/11

Eine Erinnerungslandschaft entsteht
Zur kulturellen und politischen Konstruktion von Gedächtnis am Beispiel
der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit in Thüringen

Prof. Dr. Volkhard Knigge / Dr. Axel Doßmann
Hauptseminar mit Exkursionen

Derzeit erarbeitet eine Historikerkommission Empfehlungen für eine Landesförderkonzeption „Gedenkstätten und Lernorte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“. Empfehlungen einer Vorgängerkommission wurden von der Landesregierung nicht aufgegriffen. Wie soll die bereits vorhandene Erinnerungslandschaft – Grenzmuseen, Haftanstalten, bürgerschaftliche Initiativen – in Zukunft ausgestaltet, institutionell verfasst und finanziell gefördert werden? Wie kann die Arbeit bestehender Initiativen und Einrichtungen geschichtswissenschaftlich und geschichtsdidaktisch fundiert und professionalisiert werden?

Wie immer, wenn Geschichte öffentlich gedeutet und dargestellt wird, stehen sich dabei unterschiedliche Bezüge zur und unterschiedliche Umgangsweisen mit Vergangenheit in teils heftigem Konflikt gegenüber: individuelle Erinnerungen und Erfahrungsgedächtnis, geschichtspolitische Ansprüche und (Deutungs-)Interessen, geschichtswissenschaftliche und geschichtsdidaktische Erfordernisse. Ein besonders aufschlussreiches Beispiel hierfür ist die Diskussion über die Frage, wie ein ehemaliges Bezirksgefängnis in Erfurt (Andreasstraße), das in Teilen auch von der Stasi genutzt worden ist, in eine Gedenkstätte und einen Lernort umgestaltet werden kann.

Mit Bezug auf das Thüringer Beispiel werden grundsätzliche Fragen und Debatten der Entwicklung eines DDR-Gedächtnisses nach 1990 erarbeitet, Leitkategorien wie Erinnerung, Gedächtnis, Geschichtsbewusstsein erschlossen und überprüft sowie die Praxis von Gedächtniskonstruktion analysiert.

Im ersten Teil werden Entwicklungsschritte, Debatten und Begriffe von grundsätzlicher Bedeutung für die Aufarbeitung der DDR-Geschichte erarbeitet. Der zweite Teil wendet sie auf die Thüringer Situation an. Um möglichst konkret und plastisch vorzugehen, werden wir Thüringer Museen, Gedenkstätten und Ausstellungen besuchen. Der zweite Teil findet deshalb in Form von drei Kompaktseminaren statt.

Buchenwald 1937-2009
Zur Geschichte visueller Darstellungen eines historisches Ortes

Teil 2: Dokumentarischer Film

Dr. Axel Doßmann
Übung

Neben der Fotografie war und bleibt der Film ein wichtiges Mittel, Vergangenheit zu vergegenwärtigen und vorstellbar zu machen. Doch entgegen mancher Hoffnung und Wahrnehmung zeigt ein Filmdokument wie jede andere Quelle keineswegs einfach „die Geschichte“. In der gegenwärtigen Geschichtskultur wird gleichwohl stark auf die visuelle Evidenz von historischem Filmmaterial gesetzt. Mit einer unkommentierten Wiederverwendung von oft immer gleichen „Klammerteilen“ ist historischer Aufklärung jedoch selten gedient.

Vor jeder Analyse braucht es eine Beschäftigung mit Filmtheorien und methodischem Handwerkszeug. Sie werden im Seminar diskutiert und erprobt. Das jeweilige Ausgangsmaterial und seine Montage sollen als Spuren von Vergangenheit, als Artefakte von Bildakten und interpretierende Darstellungsformen betrachtet und wissenschaftlich reflektiert werden.

Im Zentrum der Übung stehen Filme zur Geschichte der Konzentrationslager, insbesondere des KZ Buchenwald: amerikanische Reeducation-Filme, „Besucherfilme“ der Gedenkstätte Buchenwald seit 1960, wichtige Filmessays und aktuelle Fernsehdokumentationen.

Die Hirschberger Saalebrücke
Medialisierungen deutscher Grenzen zwischen 1936 und 2011

Dr. Axel Doßmann
Übung

Wie in einer historiografischen Werkstatt soll in diesem Seminar geübt werden, was zum Handwerk von Historikern gehört: Kritik, Kontextualisierung und Interpretation von historischen Quellen. Hier geht es vor allem um Dokumente, die sich als Spuren für den Umgang mit deutscher Geschichte in Medien und Öffentlichkeit entziffern lassen. Der Gegenstand ist die Hirschberger Saalebrücke auf der Autobahn München-Hof-Berlin. Das Bauwerk wurde 1936 erbaut, 1945 gesprengt, 1966 rekonstruiert und heißt heute „Brücke der Einheit“. Die Trümmer lagen bis 1964 auf der „Zonengrenze“ zwischen Ost und West. Bonner Politiker sahen in einem Baustellenzaun eine zweite „Berliner Mauer“. Aber weder Ost noch West wollten das Hakenkreuz im Mauerwerk bis 1990 erkennen.

Die Repräsentationen der Brücke und die Quellen zum gesellschaftlichen Umfeld – Baupläne, Gemälde, Briefmarken, Postkarten, Zeitungsartikel, Geheimdienstfotografien, Tagesschauberichte, Verhandlungsprotokolle, Broschüren, Fotoalben, Brigadetagebücher, Zeitzeugen-Interviews, ein Roman, ein Dokumentarfilm – haben denkbar unterschiedliche Provenienzen, empfehlen methodische Vielfalt und theoretische Offenheit. Schreibübungen sind Teil der arbeitsintensiven Werkstatt für maximal 20 Studentinnen und Studenten ab dem 5. Semester.

65 Jahre danach: Die Befreiung des KZ Buchenwald
Studierende interviewen KZ-Überlebende und ihre amerikanischen Befreier

Dr. Axel Doßmann
Projektseminar

Die Feierlichkeiten zum 65. Jahrestag der Befreiung des KZ Buchenwald vom 9. bis 13. April 2010 sind besonders den überlebenden Kindern und Jugendlichen des Lagers sowie den amerikanischen Befreiern gewidmet. Etliche der eingeladenen Gäste aus der ganzen Welt sind das erste Mal seit 1945 wieder in Weimar-Buchenwald, andere zählen zu langjährigen Freunden der Gedenkstätte.

In dieser besonderen Situation organisiert ein Team von fortgeschrittenen, speziell vorbereiteten Jenaer Studierenden in Kooperation mit Gedenkstättenmitarbeitern Gespräche und Interviewtermine mit den Gästen. Angeleitetet und begleitet vom Dozenten üben sich die Studentinnen und Studenten im Interview mit Zeitzeugen.

Die ein- bis fünfstündigen Interviews und Gespräche mit mehr als 20 einstigen Buchenwald-Häftlingen und Veteranen der US-Army wurden aufgezeichnet und werden künftig für die Arbeit an der Gedenkstätte Buchenwald genutzt.

Sommersemester 2010

Jenseits der Erinnerung
Zur Theorie und Praxis von Gedenkstättenarbeit

Prof. Dr. Volkhard Knigge / Dr. Axel Doßmann
Hauptseminar

Gedenkstätten an Orten nationalsozialistischer Verbrechen und kommunistischer Repression gehören mittlerweile zu den Kerninstitutionen bundesrepublikanischer Geschichtskultur. Trotz ihres forcierten Ausbaus nach 1990 und der seitdem deutlich gestiegen Anzahl festetablierter Einrichtungen fehlt es aber nach wie vor an einer komplexen und integrativen Theorie dieses besonderen Arbeitsfeldes historisch-politischer Bildung; einer Theorie, die zugleich dazu geeignet wäre, Gedenkstättenarbeit jenseits der Erinnerung nicht zuletzt in museologischer und pädagogischer Perspektive weiter zu entwickeln und lebendig zu halten. Das Hauptseminar führt an Hand der Entwicklungsgeschichte von Gedenkstättenarbeit und in fächerübergreifender Auseinandersetzung mit (praxis-) relevanten theoretischen und methodischen Anregungen aus Geschichtsdidaktik, Museums- und Ausstellungstheorie, historischer Bildwissenschaft, Pädagogik oder kulturwissenschaftlichen Überlegungen zu Erinnerung und Gedächtnis an die Herausforderungen moderner Gedenkstättenarbeit heran. Die exemplarische Auseinandersetzung mit existierenden Einrichtungen, Ausstellungen, pädagogischen Praktiken ist integraler Bestandteil des Seminars. Es wird deshalb als Blockseminar im Tagungshaus der Gedenkstätte Buchenwald durchgeführt. Kurzexkursionen sind vorgesehen.

Literatur zur Einführung:

Volkhard Knigge: Museum oder Schädelstätte? Gedenkstätten als multiple Institutionen, in: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik (Hg.): Gedenkstätten und Besucherforschung, Bonn 2004; Volkhard Knigge, Frei, Norbert (Hg.): Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord, München 2002; erweiterte Auflage der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2005; Volkhard Knigge: Gesellschaftsverbrechen erinnern. Zur Entstehung des Konzepts seit 1945, in: mit Mählert, Ulrich (Hg.): Der Kommunismus im Museum. Formen der Auseinandersetzung in Deutschland und Ostmitteleuropa, Köln 2005.

Wintersemester 2009/10

Buchenwald 1937-2009
Zur Geschichte visueller Darstellungen eines historisches Ortes

Teil 1: Fotografie
 
Dr. Axel Doßmann  
Übung

Fotografien aus der Zeit des KZ Buchenwald, des sowjetischen Speziallagers Nr. 2 sowie des nachfolgenden Wandels des historischen Geländes zu einem Ort höchst unterschiedlichen öffentlichen Gedenkens bis zum Besuch von Barack Obama im Juni 2009 stehen im Zentrum der Übung. Ermittelt werden die Entstehungskontexte der Fotografien, ihr öffentlicher Gebrauch und der Funktionswandel einzelner Fotos und Motive in Zeitungen, Broschüren, Lehrbüchern, Stadtführern, Fotobänden, Ausstellungen, Filmen und im Internet. An Beispielen aus den mehr als 10.000 Fotografien werden zentrale Probleme, Begriffe und Methoden historischer Bildforschung diskutiert. Zeigen Fotografien überhaupt Geschichte? Wovon sind sie historische Spur? In welchem Verhältnis stehen historische Wirklichkeit und fotografisches Image? Mit welchen Fragen lassen sich solche visuellen Dokumente lesbar machen? Wie wurden und werden einzelne Bilder in verschiedenen Geschichtskulturen verwandt? Die Übung umfasst drei Exkursionen und wird im folgenden Semester mit dem Schwerpunkt dokumentarischer Film fortgesetzt.

Geschichte 2.0
Das Internet als Herausforderung und Chance für Historiker

Dr. Axel Doßmann  
Übung

Das World Wide Web ist in der Praxis von Historikern Datenbank, historisches Archiv, Darstellungsformat, Lernumgebung, virtueller Ausstellungsraum, weltweite Kommunikationsinfrastruktur – diese Praxis, ihr Wandel und ihre Bedeutung für die Entstehung von Geschichtsbildern wird aber erst allmählich wissenschaftlich reflektiert. Die Übung unternimmt einen forschenden Einstieg, will Struktur und Qualitätskriterien in die Neue Unübersichtlichkeit bringen. Neben der Lektüre theoretischer Texte und empirischer Studien stehen eigene Recherche, Analyse und Kritik internationaler Websites zu historischen Themen im Vordergrund. Während Akademiker noch eher zögerlich die hypertextuellen Optionen des Internets für ihre Darstellungen von Geschichte nutzen, stellen Museen, Gedenkstätten, Künstler, aber auch Laienhistoriker und viele Zeitzeugen auf privaten Websites, Weblogs und Foren ihre Forschungsergebnisse, Interpretationen, Sammlungen, Erinnerungen und Kommentare ins Netz. Die digitale Partizipation am Verfertigen von Geschichte gewinnt inflationäre Züge. Das können Historiker verärgert oder irritiert ignorieren, aber auch als Herausforderung und neues Untersuchungsfeld betrachten. Im Netz artikulieren sich „Vergangenheitsbedürfnisse“ (Horst Rumpf) und Geschichtsbewusstsein, es werden avancierte Formen der Darstellung, Debatte und Lehre von Geschichte erprobt. Die Übung setzt sich anhand von Fallbeispielen mit der Bedeutung des Internets für die gegenwärtige Geschichtskultur auseinander.

Sommersemester 2009

Geschichtskultur – Dimensionen, Konzepte, Zugangsweisen

Prof. Dr. Volkhard Knigge
Vorlesung

Geschichte ist nicht nur eine Sache der Historiker. Alle haben täglich mit ihr zu tun. Sie durchdringt – erst recht in Gesellschaften, in denen Gedächtnis und historisches Erinnern Hochkonjunktur haben – sowohl Erinnerung und Lebenswelt der Einzelnen wie die kulturelle und politische Öffentlichkeit. In Gedenkfeiern und Ausstellungen, Denkmalen und Erinnerungsorten, Geschichtstourismus und historischen Spielfilmen, Computerspielen und Internetforen, Werbung, Stadtmarketing oder politischen Debatten wird Geschichtskultur greifbar – und zugleich weiterhin ausgeformt. Geschichtskultur empirisch gesehen, muss dabei im Plural gelesen werden: in der Gesellschaft stehen unterschiedliche Geschichtskulturen oft in Konkurrenz zueinander. Wie Geschichtskultur gefasst und begriffen werden kann, in welchem Verhältnis Geschichtswissenschaft und Geschichtskultur zu einander stehen und wie Geschichtsbewusstsein und Geschichtskultur zusammenhängen, ist ebenso Thema wie Fragen nach Formaten, Akteuren und Leistungen der Geschichtskultur.
Empfohlen wird die Teilnahme an den vertiefenden Veranstaltungen
„Geschichtskultur konkret I. Weimar – Geschichte, Gedächtnis, Inszenierung“ und
„Geschichtskultur konkret II. Weimar als Tonspur und Bild“.

Geschichtskultur konkret I: Weimar – Geschichte, Gedächtnis, Inszenierung

Prof. Dr. Volkhard Knigge / Dr. Axel Doßmann
Hauptseminar

Wie kaum eine andere Stadt in Deutschland ist Weimar dazu geeignet, der Frage nachzugehen, wie Vergangenheit im öffentlichen Raum zu unterschiedlichen Zeiten und unter unterschiedlichen politischen und kulturellen Bedingungen symbolisiert und inszeniert wurde und wird. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht Weimar sowohl als Stadt mit einer spezifischen Geschichte und konkreten urbanen Präsenz als auch als Kristallisationspunkt deutscher Geschichte, Chiffre eines reichen kulturellen Erbes und Symbol einer politischen Ära. Es geht darum, die Wechselbeziehung der vielfältigen materialen Wirklichkeit Weimars einerseits und des Begriffes Weimar andererseits vor Ort zu untersuchen. In Auseinandersetzung mit den hier vorhandenen Spuren, Zeugnissen, Symbolisierungen und Inszenierungen deutscher Geschichte (Denkmale aus der Vergangenheit und solche, die an sie erinnern, Erinnerungsorte, Ausstellungen, Straßennamen, Stadtführungen, Marketingkonzepte etc.) werden geschichtskulturelle Problemstellungen exemplarisch konkretisiert und bearbeitet. Besondere Aufmerksamkeit kommt dabei Weimar als Repräsentationsort dessen zu, was zu verschiedenen Zeiten jeweils deutsch war bzw. als deutsch verstanden wurde oder werden sollte.

Geschichtskultur konkret II: Weimar als Tonspur und Bild

Dr. Axel Doßmann
Übung

Besucher von Weimar haben bereits vor ihren ersten Schritten in die Stadt eine mediale Vorstellung von diesem historischen Ort erworben. Durch Montage von Bild, Ton und Schrift entstehen wirkungsmächtige Geschichtsbilder. Aufnahmen vom Goethe-Schiller-Denkmal als „Wahrzeichen“ für die „Stadt der Klassiker“ werden zum Beispiel oft kontrastiert mit dem Buchenwalder Mahnmal von 1958 oder dem Lagertor.
Hier der Geist der Klassik, dort der Stacheldraht der Barbarei? Welche Interpretationen von Geschichte implizieren solche Montagen? Welche audio-visuellen Repräsentationsstrategien haben Akteure in Kultur, Wissenschaft und Politik für Weimar als Teil einer komplexen und widersprüchlichen Nationalgeschichte entwickelt? Wie lassen sich Entstehung, Wandel oder Kontinuität von visuellen und akustischen Stereotypen Weimars als Stadt und Chiffre historisch und medienanalytisch erklären? Um solche Fragen zu diskutieren, werden wir im Seminar vor allem ausgewählte Hörfunk- und Fernsehsendungen, Spielfilme, aber auch „unbearbeitetes“ Archivmaterial untersuchen und dabei Analysemethoden zur visuellen und auditiven Kultur erproben.

Wintersemester 2008/09

Repräsentationen des GULag
Exkursion nach Moskau und Perm, März 2009

Prof. Dr. Joachim von Puttkamer, Prof. Dr. Volkhard Knigge
Dr. Axel Doßmann, Dr. Raphael Utz
Hauptseminar mit 14-tägiger Exkursion nach Russland

Der GULag gilt als Inbegriff stalinistischer Massengewalt und Willkür ist eine zentrale Herausforderung an die Erinnerungskultur in Europa. Wie lässt sich die Erfahrung dieser Lager begreifbar machen? Wie lassen sich Bezüge zum Nationalsozialismus erschließen, ohne in platte Gleichsetzungen zu verfallen? Welche Rolle können literarische Erzählungen wahrnehmen? Und wie schließlich verhalten sich unterschiedliche Repräsentationen des GULag im Westen, in Ostmitteleuropa und in Russland selbst zueinander?

Nach einem Hauptseminar in Jena, dass diese Fragen behandelt hat, erkundet und analysiert die Seminargruppe in einer Exkursion nach Moskau und Perm, wie im gegenwärtigen Russland der GULag repräsentiert wird: in den großen staatlichen und städtischen Museen sowie in privaten (Gulag-Museum Moskau), zivilgesellschaftlich getragenen Einrichtungen (Memorial Moskau, Sacharow-Zentrum), kirchlich getragenen Gedenkstätten und Friedhöfen (Butowo, Donskoe). Nach einer Woche in Moskau führt die Exkursion zur GULag-Gedenkstätte Perm 36 am Ural. Vor Ort werden wie bereits in Moskau Gespräche mit lokalen Akteuren der russischen Erinnerungskultur geführt und für Forschungen relevante Archive und andere wissenschaftliche Institutionen aufgesucht.

Geschichte als Ausstellung: Theorien, Konzepte, Praktiken

Prof. Dr. Volkhard Knigge / Dr. Axel Doßmann
Hauptseminar

Historische Ausstellungen sind ein elementarer Bestandteil der Geschichtskultur. Als Medium der öffentlichen Präsentation und Auseinandersetzung mit Geschichte haben sie seit den 1980er Jahren zunehmend an Gewicht gewonnen. Parallel dazu hat sich die Debatte um die Ausstellbarkeit von Geschichte und die Eigenarten und Möglichkeiten des Mediums der historischen Ausstellung intensiviert.

Das Hauptseminar führt in diese Diskussionen ein, setzt sich mit den zentralen Theorien und Konzepten auseinander und fragt nach den aktuellen Entwicklungen der Ausstellungspraxis zwischen Entertainment, Aufklärung und Identitätspolitik. Besondere Aufmerksamkeit gilt Ausstellungen im Bereich der Erinnerungskultur. Grundfragen zur Funktion und Gestaltung historischer Ausstellungen werden in einer Kompaktphase am Beispiel des Jüdischen Museums Berlin mit Cilly Kugelmann an drei Tagen praxisnah vertieft. Seminar und Vertiefungsphase richten sich an fortgeschrittene Studierende und sind auf 20 Personen beschränkt. Empfohlen wird eine Kombination mit dem Hauptseminar „Repräsentationen des GULag" und der Übung zur audiovisuellen Darstellung von Geschichte in Ausstellungen.

Digital, interaktiv – und überzeugend?
Audio-visuelle Darstellungen von Geschichte in Ausstellungen und Museen

Dr. Axel Doßmann
Übung

Hörstationen, Displays mit Ausschnitten aus Spiel- und Dokumentarfilmen, multimediale Touchscreens und Installationen – längst versuchen auch historische Ausstellungen und Museen ihre Besucher mit digitalen, integrativen und interaktiven Medien zu informieren und zu emotionalisieren. Audio-Guides und Personal Digital Assistants (PDAs) finden zunehmend Verbreitung und lassen neue Formate und Vermittlungsstrategien entstehen. Mit Multi-Media-Gadgets werden Denkmäler, Stadträume und bereits abgerissene oder überbaute historische Bauwerke vergegenwärtigt.

Mit dem Einsatz digitaler Technologien sind kognitive, kommunikative, didaktische Absichten und Prozesse sowie ästhetische und emotionale Effekte verknüpft, die bislang kaum systematisch untersucht und reflektiert wurden. Wie verändern sich mit audio-visuellen Darstellungen unsere Vorstellungen von Geschichte? Mit welcher Darstellungsform und -technik lassen sich welche Sachverhalte tatsächlich überzeugend vermitteln? Wird historische Vorstellungskraft angeregt, Neugier geweckt, Wissen vertieft? Wann überwältigt Medieneinsatz Ausstellungsbesucher und verstärkt durch Emotionalisierung stereotype Geschichtsbilder?

Mit gemeinsamen Ausstellungsbesuchen, Gesprächen mit Fachleuten, selbständigen Recherchen zu Konzepten, Ökonomien und Wahrnehmungen audio-visueller Medien in historischen Ausstellungen soll dieses Praxisfeld erkundet und Kategorien für eine kritische Analyse erarbeitet werden.

Sommersemester 2008

Was bleibt nach der Erinnerung?
Öffentliche Vergegenwärtigungen des Ersten Weltkriegs als Fallbeispiele für die Zukunft (selbstkritischer) Erinnerungskultur nach dem Schwinden der ZeitzeugenProf. Dr. Volkhard Knigge / Dr. Axel DoßmannHauptseminar mit 10-tägiger Exkursion nach Frankreich

In Folge der Erfahrungen des extremen 20. Jahrhunderts – insbesondere von Nationalsozialismus, Zweitem Weltkrieg und Holocaust – ist ein historisch weitgehend vorbildloses Paradigma öffentlichen Erinnerns entstanden: Regime- bzw. Gesellschaftsverbrechen und daraus resultierendes Leid sollen dauerhaft im Gedächtnis behalten und zur bewußten politischen und ethischen Orientierung für eine bessere Zukunft werden. Durch die kritische Vergegenwärtigung kommunistischen Unrechts nach 1990 hat diese Form noch einmal zusätzlichen Auftrieb erhalten. Aus der Geschichte lernen, was sich nicht wiederholen darf und wie man es verhindert, ist ein erklärtes, damit einhergehendes Ziel politisch-historischer Bildung, nicht nur in Deutschland sondern weit darüber hinaus. An deren Anfang standen die Appelle von Zeitgenossen, deren persönliche Erfahrungen von Verfolgung und Krieg die Notwendigkeit und den Sinn dieser Form individueller und gesellschaftlicher Auseinandersetzung mit der Vergangenheit gleichsam von selbst begründeten. Heute ist diese Form des Erinnerns damit konfrontiert, dass ihre zeitgenossenschaftliche Basis endgültig schwindet. Die Zeitzeugen sterben und die Jüngeren, die sich erinnern sollen, können dies im eigentlichen Sinn des Wortes nicht mehr. Erinnerung wird faktisch zur Umschreibung von Repräsentationen und Inszenierungen der Vergangenheit zu verschiedensten Zwecken – von der Ausbildung reflektierten Geschichtsbewußtseins und politischer Verantwortungsbereitschaft bis hin zur politischen Identitätsstiftung oder Unterhaltung am Grauen.

Was aus dem Projekt, selbstkritisch Lehren aus der Gewalt- und Verbrechensgeschichte des 20. Jahrhunderts zu ziehen, wird, ist offen. Vor diesem Hintergrund fragt das Hauptseminar im Sinne eines Blicks zurück nach vorn nach den Formen und Zielen der Vergegenwärtigungen des Ersten Weltkrieges in Ausstellungen, Denkmalen, Gedenkstätten, Filmen und anderen Medien. Lebendiges Erinnern ist in diesem Fall bereits erloschen, die direkte intergenerationelle Überlieferung weitestgehend abgebrochen, Vergangenheit zum verfügbaren Material geworden. Was heißt das für Darstellungs- und Vermittlungsprozesse? Was heißt das für die Institutionalisierungen des Erinnerns und für historisches Lernen, für politische oder moralische Sinngebungen, für Bedeutungszuschreibungen und Bedeutungsverluste, für Geschichtspolitik und anderen Gebrauch der Vergangenheit bis hin zur Kommerzialisierung? (Wie) Bleibt trotz Historisierung ein aufklärerischer Stachel?

Einführende Literatur:

Volker Berghahn: Der Erste Weltkrieg, München 2003; Thierry Hardier, Jean-Francois Jagielski: Combattre et Mourir pendant la Grande Guerre (1914-1925), Paris 2001; Yves Buffetaut: Verdun. Guide historique et touristique, Louviers 2002; Rainer Rother (Hg.): Der Weltkrieg 1914-1918. Ereignis und Erinnerung, Berlin 2004; Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Irina Renz (Hg.): Die Deutschen an der Somme 1914-1918. Krieg, Besatzung, Verbrannte Erde, Essen 2006.

Fiktionalisierungen von Geschichte
Kriminalpolizeiliche und geschichtspolitische Wahrnehmungen des angeblichen Massenmörders Bruno Lüdke, 1924 bis 2008

Dr. Axel Doßmann
Übung

Über 50 Frauenmorde hat der Hilfsarbeiter Bruno Lüdke 1943 gegenüber der Kriminalpolizei gestanden, seine ersten Taten sollen bis in die Zeit der Weimarer Republik zurückreichen. Dieser im Nationalsozialismus verschwiegene Fall eines Massenmörders hat erst nach dem Krieg in der Bundesrepublik und DDR durch widersprüchliche Darstellungen öffentliches Aufsehen erregt. Mit diesem Beispiel lassen sich Prozesse der Fiktionalisierung von Geschichte und deren geschichtspolitische Dimensionen von der Weimarer Republik bis in die Gegenwart gut untersuchen: angefangen mit der Verhörpraxis der Kriminalpolizei im NS und deren Wahrnehmung durch die west- und ostdeutsche Polizei, über Zeitzeugen- und Tatsachenberichte in Nachrichtenmagazinen und Illustrierten der 1950er Jahren bis hin zu Spielfilm, Hörspiel und Dokumentarfilm.

In der Übung erarbeiten wir Schritt für Schritt die historischen Kontexte und untersuchen die Funktionen von Archivdokumenten, Bildern und Zeitzeugenberichten für die öffentlichen Auseinandersetzungen. Wie lassen sich solche Medien- und Kunstprodukte, in denen Geschichte durch Fiktion abhanden kommt und als Projektion wiederkehrt, kritisch lesen und betrachten? Welche Authentizitätsstrategien und geschichtspolitischen Motive sind wirksam? Nicht zuletzt: Was war der Fall? Welche Interpretationen lassen die überlieferten Dokumente tatsächlich zu? Welche Fragen an das jeweilige Quellenmaterial sind sinnvoll?

Wintersemester 2007/08

Wohin treibt die Erinnerungskultur in Deutschland?
Positionen. Konflikte, Analysen.

Prof. Dr. Volkhard Knigge / Philipp Neumann
Hauptseminar

Das Seminar geht der Frage nach, wie sich die Erinnerungs- und Gedenkkultur in der Bundesrepublik nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten entwickelt hat und welche Tendenzen sich für die Zukunft abzeichnen. Ausgangspunkt ist die Frage, wie in Öffentlichkeit und Politik damit umgegangen worden ist, dass 1990 auch zwei Erinnerungskulturen und zwei Formen von Geschichtspolitik „vereinigt“ worden sind und zugleich die Frage nach nationaler Erinnerung und nationalen Geschichtsbildern wieder virulent wurde. Untersuchungsschwerpunkte sind: erinnerungskulturelle und geschichtspolitische Auseinandersetzungen in Öffentlichkeit und Politik, denkmals- und gedenkstättenpolitische Entscheidungen, Entwicklungen der rechtlichen und institutionellen Verfassung von erinnerungskulturellen Einrichtungen, Akteure und Aktionen im Feld der Erinnerungskultur, inhaltliche Aufmerksamkeiten und thematische Verschiebungen, (neue) Funktionen der Erinnerungskultur. Eine durchgängige Frage wird sein, inwieweit sich Erinnerungskultur und Geschichtspolitik noch unterscheiden lassen und in welchem Verhältnis Geschichtswissenschaft und Erinnerungskultur praktisch zueinander stehen. Analyseversuche werden ebenso diskutiert, wie originales Quellenmaterial.

Einführende Literatur:

Aleida Assmann: Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München 2006. Insa Eschebach: Öffentliches Gedenken. Deutsche Erinnerungskulturen seit der Weimarer Republik, Frankfurt am Main 2004. Volkhard Knigge, Norbert Frei (Hg.): Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord, München 2002. Peter Reichel: Politik mit der Erinnerung. Gedächtnisorte im Streit um die nationalsozialistische Vergangenheit, München, Wien 1995. Ders.: Vergangenheitsbewältigung in Deutschland. Die Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur von 1945 bis heute, München 2001.

„Echt – alt – schön – wahr“? Denkmalpflege als öffentliche Form der Vergangenheitsvergegenwärtigung

Prof. Dr. Volkhard Knigge / Dr. Ingrid Scheurmann
Hauptseminar mit Exkursionen nach Dresden, Berlin, Weimar

Denkmalpflege ist mehr als ein administrativer Akt und geht über bloßes Bewahren weit hinaus. Was als Geschichtsdenkmal gilt, in welchem Verhältnis Geschichtsdenkmale zur Gegenwart stehen und wie mit ihnen umgegangen werden soll, ist zeitbedingten Wahrnehmungen und Urteilen unterworfen, die höchst unterschiedlichen Antrieben und Zielen folgen konnten und können. Darüber hinaus prägen denkmalpflegerische Entscheidungen Geschichtsvorstellungen bzw. Geschichtsgefühle auf subtile Weise, insofern sie häufig lebensweltlich unmittelbar wirksam werden und Denkmale nicht nur kognitiv sondern auch sinnlich-erlebnisorientiert wirken und wahrgenommen werden. Erarbeitet werden Denkmalkonzepte und denkmalpflegerische Leitvorstellungen und Methoden von Schinkel über Droysen und Dehio bis in die Gegenwart in ihren historisch-gesellschaftlichen Kontexten, um sich auf dieser Grundlage mit gegenwärtigen Tendenzen der Denkmalpflege auch an konkreten Fallbeispielen wie dem Abriß des Palastes der Republik, dem Wiederaufbau der Dresdener Frauenkirche oder der Umwandlung des Weimarer Gauforums in eine Shopping Mall - auseinanderzusetzen. Einen Beobachtungsschwerpunkt bildet die Verbindung von Denkmalpflege und nationaler Selbstdeutung in Deutschland.

Das Hauptseminar wird als Kompaktveranstaltung mit Exkursionen (Berlin, Dresden, Weimar), jeweils an Wochenenden durchgeführt.

Einführende Literatur:

Huse, Norbert (Hg.): Denkmalpflege. Deutsche Texte aus drei Jahrhunderten, München 1996 (1984); Lipp, Wilfred (Hg.): Denkmal - Werte - Gesellschaft. Zur Pluralität des Denkmalbegriffs, Frankfurt/M 1993; Meier, Hans-Rudolf, Marion Wohlleben (Hg.): Bauten und Orte als Träger von Erinnerung. Die Erinnerungsdebatte und die Denkmalpflege, Zürich 2000; Scheurmann, Ingrid, Hans-Rudolf Meier (Hg.): Echt - alt - schön - wahr. Zeitschichten der Denkmalpflege, München / Berlin 2006.

Sommersemester 2006

„Gegenläufige Spiegelungen?“ – Besatzungsverbrechen, Holocaust und Vertreibung in polnischen und deutschen Ausstellungen und Gedenkstätten

Prof. Dr. Volkhard Knigge
Hauptseminar mit 10-tägiger Exkursion nach Polen

Derzeit wird in Deutschland die Ausstellung „Flucht, Vertreibung, Integration“ gezeigt und heftig über die Gründung eines „Zentrums gegen Vertreibungen“ in Berlin diskutiert. In Polen hingegen sind neue Museen zur deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg, etwa das Warschauer Museum zum Aufstand 1944, entstanden und Gedenkstätten in Erinnerung an den Holocaust – wie in Auschwitz, Maidanek oder Belzec – neu konzipiert worden. Geschichtswissenschaftliche, museologische und pädagogische Konzepte dieser Projekte wie die Analyse begleitender geschichtspolitischer Absichten und Debatten sind Gegenstand der Veranstaltung. Die Veranstaltung besteht aus drei Blöcken, die zeitlich in der ersten Sitzung zu Semesteranfang festgelegt werden. 1. Vorbereitungsblock im Sommersemester einschließlich einer Exkursion zur Ausstellung „Flucht, Vertreibung, Integration“. 2. Ca. zehntägige Exkursion zu entsprechenden Ausstellungen, Denkmalen und Gedenkstätten in Polen zu Anfang der Sommersemesterferien. 3. Auswertungsblock im Anschluß an die Exkursion.

Wintersemester 2005/06

„Bild-Geschichte“. Visuelle Formen der Repräsentation und Interpretation von Geschichte

Prof. Dr. Volkhard Knigge
Hauptseminar

In den vergangenen 15 Jahren ist das Bewusstsein dafür gewachsen, dass Geschichte nicht nur in Texten überliefert und gedeutet wird. Einerseits ist Geschichte – zunächst in Gestalt von Historikenmalerei oder Denkmalen – zunehmend zum Gegenstand der bildenden Kunst geworden oder wird mit Mitteln der Fotografie, des Films oder digitaler Bildverfahren vergegenwärtigt. Andererseits sehen sich Historiker mit dem Siegeszug der visuellen Medien vor das Problem gestellt, auch Bilder als historische Quellen kritisch zu erschließen. Die Diskussion um die Verwendung von historischen Fotografien in der „Wehrmachtsausstellung“ ist nur ein Beispiel hierfür. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stehen Fragen nach dem spezifischen Quellencharakter von Bildern, ihrer öffentlichen Verwendung in politischen und geschichtskulturellen Kontexten sowie Methoden ihrer historischen Analyse und Interpretation. Konsequenzen für die historische Bildung werden diskutiert.

Einführende Literatur:

Michael Baxandall: Ursachen der Bilder. Über das historische Erklären von Kunst, Berlin 1990 (1985); Peter Burke: Augenzeugenschaft. Bilder als historische Quellen, Berlin 2003 (2001); Francis Haskell: Die Geschichte und ihre Bilder. Die Kunst und die Deutung der Vergangenheit, München 1995 (1993).

Sommersemester 2005

„Stets gern für Sie beschäftigt“ Die Erfurter Firma Topf und Söhne und der Holocaust

Teil 2: Einrichtung der Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin – Rezeptionsanalyse

Prof. Dr. Volkhard Knigge
Hauptseminar mit Exkursion nach Berlin

Wintersemester 2004/05

„Stets gern für Sie beschäftigt“. Die Erfurter Firma Topf und Söhne und der Holocaust. Geschichte –  Geschichtsschreibung – Ausstellung

Prof. Dr. Volkhard Knigge
Hauptseminar

Ohne die verbrennungstechnischen Entwicklungen der alteingesessenen Erfurter Firma Topf & Söhne wäre die reibungslose Durchführung des Genozids an den europäischen Juden in Auschwitz nicht möglich gewesen. Obwohl weder Firmenleitung noch maßgebliche Ingenieure und MitarbeiterInnen des Unternehmens zu den radikalen Weltanschauungsnationalsozialisten gezählt werden können, hat sich die Firma ohne Zögern darauf eingelassen, die Technik für die Massenverbrennung nicht nur in Erfurt sondern auch vor Ort in Buchenwald und Auschwitz zu entwickeln, zu erproben und zu perfektionieren. Wie es dazu gekommen ist, daß eine ganz normale deutsche Firma Beihilfe zum Massenmord leistete, ist eine Leitfrage der Veranstaltung. Darüber hinaus stehen Fragen geschichtswissenschaftlicher Deutung und Fragen der öffentlichen Vermittlung des Themas im Mittelpunkt. Seit über zwei Jahren läuft ein entsprechendes Forschungsprojekt an der Gedenkstätte Buchenwald, aus dem eine historische Ausstellung hervorgehen wird, die im Juni 2005 im Jüdischen Museum Berlin erstmals gezeigt werden wird. Die SeminarteilnehmerInnen werden Einblick in die praktische Arbeit erhalten. Das Seminar ist auf 20 TeilnehmerInnen beschränkt.

Literatur:

Aleida Assmann / Frank Hiddemann / Eckhard Schwarzenberger (Hg.): Firma Topf & Söhne – Hersteller der Öfen für Auschwitz. Ein Fabrikgelände als Erinnerungsort?, Frankfurt/M, New York 2002; Ingo Loose: Die Commerzbank und das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, in: Ludolf Herbst / Thomas Weihe (Hg.): Die Commerzbank und die Juden 1933 – 1945, München 2004, S. 272-309; Jean-Claude Pressac: Die Krematorien von Auschwitz: die Technik des Massenmordes, 2. Auflage, München u. a. 1995; Annegret Schüle: Technik ohne Moral, Geschäft ohne Verantwortung. Topf & Söhne – die Ofenbauer für Auschwitz, in: Fritz Bauer Institut (Hg.): Im Labyrinth der Schuld. Täter – Opfer – Ankläger. Jahrbuch 2003 zur Geschichte und Wirkung des Holocaust, Frankfurt/M, New York 2003, S. 199-229.

Sommersemester 2004

Der Kommunismus im Museum. Narrative, Repräsentationen und Sinnbildungen in osteuropäischen Staaten

Prof. Dr. Volkhard Knigge / Prof. Dr. Joachim von Puttkamer
Hauptseminar mit 14-tägiger Exkursion in osteuropäische Staaten

Nach 1990 sind in vielen osteuropäischen Ländern Ausstellungen und Museen zur (kritischen) Erinnerung der kommunistischen Vergangenheiten entstanden. Diese in Westeuropa zumeist unbekannten Erinnerungsorte sind Teil des gesamteuropäischen Gedächtnisses an die Okku¬pations- und Diktaturerfahrungen des 20. Jahrhunderts. In Kooperation mit Prof. Dr. Wlodzimierz Borodziej (Historisches Institut der Universität Warschau) soll während des Semesters eine ca. zweiwöchige Exkursion vorbereitet werden, die nach dem Ende des Vorlesungszeit stattfinden wird. Sie dient der Erkundung wichtiger Museumsneugründungen nach 1990. Vor Ort werden geschichtswissenschaftliche Fundie¬rung, Repräsentationsformen und museumspädagogische Praktiken sowie erinnerungs¬kulturelle und geschichtspolitische Kontexte untersucht. Die Ergebnisse werden von den Stu¬dierenden im Rahmen eines von der Stiftung Aufarbeitung in Zusammenarbeit mit der Stiftung Ettersberg veranstalteten internationalen Symposiums im Oktober 2004 vorgestellt.

Wintersemester 2003/04

Verbrechen erinnern – Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Zweitem Weltkrieg im internationalen Vergleich

Prof. Dr. Volkhard Knigge
Vorlesung

Die öffentliche Erinnerung an Nationalsozialismus, Holocaust und Zweiten Weltkrieg hat mittlerweile eine über fünfzigjährige Geschichte. Diese ist – im Gegensatz zu der weit verbreiteten Auffassung, daß Erinnerung aus sich selbst heraus einen immer gleichen, authentischen Zugang zur Vergangenheit biete – nicht einheitlich und geradlinig verlaufen. Vielmehr lassen sich zu verschiedenen Zeitpunkten sehr unterschiedliche Formen, Inhalte, Zielperspektiven und Begründungen dieses Typs von Erinnerung unterscheiden. Soziale, kulturelle und politische Kontexte prägen die jeweiligen Erinnerungskulturen wie umgekehrt diese auf jene zurückwirken. Über (West- und Ost-) Deutschland hinaus, werden an ausgewählten Beispielen aus West- und Osteuropa, Israel und den USA Geschichte und Wandel der Erinnerung an Nationalsozialismus, Holocaust und Zweiten Weltkrieg untersucht.

Literatur:

Volkhard KNIGGE / Norbert FREI: Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord, München 2002; Peter NOVICK: Nach dem Holocaust. Der Umgang mit dem Massenmord, München 2003; Peter REICHEL: Vergangenheitsbewältigung in Deutschland. Die Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur von 1945 bis heute, München 2001.

Sommersemester 2003

Vom Ereignis zum Museum. Theorie und Praxis historischer Ausstellungen am Beispiel der Neukonzeption der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora

Prof. Dr. Volkhard Knigge
Hauptsemina

Die Gedenkstätte Mittelbau-Dora entstand in den siebziger Jahren auf dem Gelände des ehemaligen KZ Mittelbau-Dora bei Nordhausen. Obwohl Mittelbau-Dora von 1943 bis 1945 ein Zentrum des Zwangsarbeitereinsatzes von KZ-Häftlingen aus ganz Europa war – in unterirdischen Stollen mussten u.a. die so genannten V-Waffen produziert werden – wurde die Gedenkstätte bis in die neunziger Jahre hinein vernachlässigt. Zur Zeit wird sie neu konzipiert. Ein internationaler Architektenwettbewerb hat stattgefunden. Ein Museumsneubau entsteht. Das Lagergelände wird neu gestaltet. Eine neue historische Ausstellung ist in Vorbereitung. Die Veranstaltung führt in Theorie und Praxis der Erschließung und Gestaltung historischer Orte als Lernorte und Denkmale sowie in die Konzeption von historischen Ausstellungen am authentischen Ort ein. Am Beispiel der Neukonzeption Mittelbau-Doras werden exemplarisch Grundfragen der Funktion und Gestaltung von Geschichtsmuseen behandelt. Die Veranstaltung beinhaltet Museumserkundungen in der Region und Blockarbeitsphasen vor Ort.

Literatur:

Martina EBERSPÄCHER, u.a. (Hg.): Gottfried Korff - Museumsdinge. deponieren - exponieren, Köln / Weimar / Wien 2002; Detlef HOFFMANN: Das Gedächtnis der Dinge. KZ-Relikte und KZ-Denkmäler 1945-1995, Frankfurt/M., New York 1998; Volkhard KNIGGE: Gedenkstätten und Museen, in: ders. / Norbert FREI (Hg.): Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord, München 2002.

Sommersemester 2002

Zwischen Geschichtsbewusstsein und Erinnerung
Leitbegriffe der Geschichtsvermittlung – eine kritische Revision

Prof. Dr. Volkhard Knigge
Vorlesung

Will man die Auseinandersetzung mit Geschichte nicht auf das Speichern von historischen Fakten reduzieren, stellt sich die Frage nach den übergeordneten Zielen von Geschichtsaneignung. Geschichtsbewusstsein war die Leitkategorie der kritischen Geschichtsdidaktik der siebziger und achtziger Jahre. In den vergangenen zehn Jahren ist insbesondere Erinnerung als neues Paradigma an ihre Seite – wenn nicht an ihre Stelle – getreten. Unter Berücksichtigung weitere Zielkategorien wie historisch Identität, Empathie oder historische Vorstellungs- und Urteilskraft werden Geschichte und Bedeutung der Leitbegriffe von Geschichtsvermittlung seit den 1970er Jahren rekonstruiert und auf ihre Geltung hin befragt.

Literatur zur Einführung:

Rolf Schörken, Geschichtsdidaktik und Geschichtsbewusstsein, in: Hans Süssmuth (Hg.), Geschichtsunterricht ohne Zukunft? Anmerkungen und Argumente, Stuttgart 1972; Jörn Rüsen (Hg.), Geschichtsbewusstsein. Psychologische Grundlagen, Entwicklungskonzepte, empirische Befunde, Köln, Weimar, Wien 2001; Pierre Nora, Zwischen Geschichte und Gedächtnis (zuerst Paris 1984); Berlin 1990; Hans-Jochen Vogel / Ernst Piper, Erinnerungsarbeit und demokratische Kultur. Jahrbuch des Vereins „Gegen Vergessen – für Demokratie“, Bd. 1, München 1997; Etienne Francois / Hagen Schulz, Deutsche Erinnerungsorte, 3 Bde., München 2000/2001.